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Lesefrüchtchen – 21.02.2011

Guttenberg-Affäre: Bekanntes Muster

Wenn in Wirtschaft und Politik jemand erledigt werden soll, aber im offenen Kampf nicht zu fassen ist, besinnt man sich auf ein probates Instrument: Man prüft die Spesenabrechnung. Das Gesundheitswesen kann da mit prominenten Beispielen aufwarten. Aus jüngster Zeit etwa Ulla Schmidt oder Professor Sawicki.

Die Gesundheitsministerin stolperte nur deshalb nicht über ihre Dienstwagenaffäre, weil sie ein dickes Fell hatte und die Legislaturperiode ohnehin zu Ende ging. Sawicki musste letztlich wegen einer Spesenaffäre beim IQWiG quittieren, nachdem Versuche, ihn wissenschaftlich zu erledigen, misslangen.

In Sachen Guttenberg las zufällig ein Bremer Juraprofessor, der ideologisch anders als der Baron verortet sein dürfte, dessen Doktorarbeit und ließ zufällig über zufällig ausgewählte Stellen ein Suchprogramm laufen, und zufällig gelangten die Erkenntnisse, bevor sie in der wenig bekannten (übrigens lesenswerten) Kritischen Justiz erscheinen konnten, an die Süddeutsche, zufällig als der angeschwärzte Minister wegen "Gorch Fock" und Wehrreform politisch unter Beschuss stand. Ein bisschen viel der Zufälle. Was für die Schmidt die Dienstwagenaffaire scheint für den Guttenberg die Promotionsaffäre zu sein.

Unbeschadet dessen. Die Doktorarbeit – deren formale Qualität und möglicherweise deren Zustandekommen – ist schon ein starkes Stück. Nicht nur was Guttenberg, sondern auch (und mehr noch?) was den oder die Doktorväter betrifft. Was haben die wohl geprüft? Die Affäre sollte ihnen und allen Hochsullehrern, die mit Doktoranden zu tun haben, die unter Zeitdruck und nebenbei promovieren, eine Lehre sein.

Solche Fälle sind in den Rechtswissenschaften mit all`den Rechtsanwälten, die den Dr. aus Wettbewerbsgründen begehren, vor allem aber in der Medizin, wo der Doktor praktisch zum Beruf gehört, notorisch. Es empfiehlt sich somit, bei den Kandidaten zunächst zu prüfen, ob sie überhaupt genügend Zeit haben, (ganz zu schweigen vom brennenden wissenschaftlichen Interessse). Und dann kann eine kleine Handreichung über das Zitieren in Zeiten der google-Recherche auch nicht schaden.


Leserkommentare

emmili1960 am Samstag, 5. März 2011, 06:01
Gutenberg
Eins muß ich los werden,was mich am meisten ärgert,
es ist doch immer so,kaum wird sehr beliebter:(das ist,war er nun mal,)
Politiker,wird solange ,die nicht mit seinem Tun und Handel einverstanden sind,
gesucht und alles durchleuchtet,bis etwas gefunden wird.
Faßt ein jeder hat Dreck am Stecken,die Politiker dürften dann alle zurücktreten.
Jetzt ist es Gutenberg,da hatten sie doch schonmal die ganze Familie in der reißen..Dieser Verteidigungsminister war sehr beliebt überall,trotz Politik,
volkshah und er ist wie man sagt Mensch geblieben.
Und jetzt ..wer soll der Nächste sei den man "ans Bein pinkeln" will???
LIEBE POLITIKER::--MACHT WEITER SO_IHR FINDET BBESTIMMT GLEICH DEN NÄCHSTEN KANDIDATEN,den Ihr absäbeln könnt...
Da soll man noch vertrauen zur Politik haben,das ich nicht lache!! Sorry.....



rythaler am Donnerstag, 24. Februar 2011, 00:52
Nur Flachpfeifen schreiben ab.
Das andere heisst "Zitieren", und das kommt in jeder Doktorarbeit vor. Dies ist völlig in Ordnung, wird dabei doch klar, dass man diesen Teil der Arbeit nicht als eigene Leistung ausgibt.

Dass im aktuellen Fall der Autor vor einer Woche noch gar nicht wusste, wo er überall abgeschrieben hatte ("abstrus") ist besonders bemerkenswert.
Andreas Skrziepietz am Dienstag, 22. Februar 2011, 17:24
nachtrag
jemand hat meinen beitrag zensiert. es fehlt die signatur:
www.docmacher.de
aquanixe2004 am Dienstag, 22. Februar 2011, 09:20
Titelwahn !
Unsere Geselschaft krankt an einer neuen Krankheit : Titelwahn oder Titelneurose !

Nach dem Wiederaufleben der offiziell abgeschafften Adelstiteln, muß sich heute jeder Profilsüchtige mit Titeln bewaffnen, um in der Ellenbogengesellschaft sich eine bessere Ausgangsposition zu verschaffen.
Kein Vorstandsmitglied ohne "von" oder einen "Dr.". Ist es da ein Wunder, wenn in diesen Zeiten immer mehr Abgeschrieben und Manipuliert wird?

Ich behaupte einmal, dass 80% der Doktorarbeiten anfechtbar wären, wenn diese auf Herz und Nieren geprüft würden. Natürlich schreit jeder auf und behauptet, dass es zu den 20% gehört.

Doch Hand aufs Herz, wer hat nicht schon einmal in seinem Leben abgeschrieben. Aber wo kein Kläger, da kein Richter ! Bei Herrn Guttenberg gab es viele politisch motivierte Kläger, die vielleicht selbst im Glashaus sitzen und mit Steinen werfen!
Andreas Skrziepietz am Montag, 21. Februar 2011, 17:52
Uschi und Phil
Habe mir beide Arbeiten angesehen: 62 bzw. 44 Seiten - bei Phil sind da schon die ganzseitigen Abbildungen mitgezählt. Aber er wollte ja auch Augenarzt werden, wahrscheinlich hat er gedacht, daß die Gutachter an Altersweitsichtigkeit leiden.

Selbst wenn die beiden hätten plagiieren wollen, es wäre gar nicht genug Text dafür dagewesen. Stilistisch finde ich beide Arbeiten gut. Uschi hat sogar einen geschichtlichen Rückblick verfasst, damit der Leser nicht sofort einschläft. Gut dem Dinge!


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