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Gesundheit – 02.02.2011

Polio: Warum die Eradikation nicht gelingt

Jetzt hat auch der Multi-Milliardär Bill Gates der Kinderlähmung den Kampf angesagt. Im Roosevelt House in New York, wo der frühere US-Präsident und vielleicht prominenteste Polio-Patient gewohnt hatte, rief Gates zu Spenden auf.

Es gehe darum, die historische Möglichkeit, die Polio ein für allemal auszulöschen, nicht verstreichen zu lassen. Gates hat selber seit 2005 insgesamt 1,3 Milliarden US-Dollar gespendet – laut New York Times mehr als die Rotarier in den 25 Jahren zuvor. Insgesamt soll die Eradikationskampagne 9 Milliarden US-Dollar verschlungen haben. Doch der Triumph, nach den Pocken zum zweiten Mal ein Virus global zu eradizieren (mit der Ausnahme der archivierten Viren versteht sich), ist ausgeblieben.

Seit dem Jahr 2000, das sich die WHO eigentlich zum Ziel gesetzt hat, werden aus wenigen endemischen Ländern immer wieder neue Erkrankungen gemeldet. Die Gesamtzahl ist gering. Sie liegt seit 2001 bei unter 2.000 Erkrankungen pro Jahr weltweit.

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Im Jahr 2010 waren es insgesamt 946 Menschen. Doch wie schnell sich das Virus ausbreitet, wenn die Impfbemühungen nachlassen, zeigt die letztjährige Epidemie in Tadschikistan. Dort kam es innerhalb kurzer Zeit zu 458 Neuerkrankungen. Im Jahr 2003 breitete sich die Erkrankung von Nigeria innerhalb kurzer Zeit in 12 vormals poliofreie Länder bis nach Indonesien aus.

Anlass war damals das Gerücht, die Regierung Nigerias im christlichen Süden nutze die Impfung als Vorwand um die Mädchen im muslimischen Norden zu sterilisieren. Erst als die Zahl der Erkrankungen spürbar anstieg, wurde die Notwendigkeit der Impfung wieder eingesehen.

Das Problem besteht darin, dass in vielen Ländern die Bereitschaft zur Impfung nachlässt, sobald keine Erkrankungen mehr auftreten. Anders als bei den Pocken bietet eine einzelne Impfung nur einen begrenzten Schutz. Drei oder mehr Impfungen sind notwendig, um Kinder dauerhaft zu schützen und solange die Polio nicht ausgerottet ist, müsste alle paar Jahre die nachwachsenden Kinder immunisiert werden.

In Ländern ohne Impfschutz kann sich eine Epidemie rasch ausbreiten, weil die sanitären Bedingungen schlecht sind und der Ausbruch erst spät erkannt wird. Denn weniger als eines von hundert infizierten Kindern erkrankt an einer schlaffen Lähmung.

Die derzeitige Strategie, die auf eine Eradikation abzielt, greift deshalb zu kurz. Die Reihen-Impfungen werden auf endemische Länder konzentriert, bei Epidemien an anderen Ländern werden dort rasch Massenimpfungen organisiert. Diese sind in der Regel erfolgreich, doch es gibt einfach zu viele arme Länder, in denen die Polio jederzeit ausbrechen kann. Dies war im November letzten Jahres in der Republik Kongo der Fall. Dort sind vermutlich (die Bestätigung steht in vielen Fällen noch aus) 476 Erkrankungen aufgetreten. Betroffen waren überraschenderweise junge Männer im Alter von 15 bis 25 Jahren. Die Sterblichkeit war mit 40 Prozent ungewöhnlich hoch.

Kongo gehört neben Angola und dem Tschad zu den Ländern, in denen sich die Polio “re-etabliert” hat. Dies ist ein Rückfall gegenüber 2006, als es nur vier endemische Länder (Pakistan, Indien, Nigeria und Afghanistan) gab. Dort wurden zwar jüngst Erfolge erzielt und in Afghanistan sollen die Taliban den Impfungen zustimmen. In Pakistan sollen sie allerdings die Impfteams angegriffen haben. Dort ist im letzten Jahr die Zahl der Erkrankungen angestiegen.

Selbst wenn es gelänge, die Polio zu eradizieren, gäbe es gute Gründe die Impfungen fortzusetzen. Das überwiegend eingesetzte Lebendvirus kann nämlich in einen Krankheitserreger mutieren. Diese Impfstoff-Erreger (“circulating vaccine-derived polioviruses” cVDPV) haben erstmals im Jahr 2000 auf Hispaniola Kinderlähmungen ausgelöst. Seither hat es jedes Jahr ein bis zwei kleinere Ausbrüche gegeben.

Die Zahl der Erkrankten (jeweils weniger als zehn Patienten) ist zwar gering, doch nach einem Abbruch der Impfungen, mit dem nach der öffentlichkeitswirksamen Deklaration einer Eradikation wohl gerechnet werden müsste, könnten cVDPV schnell zu einem Problem werden, befürchtet John Modlin von der Dartmouth Medical School in Lebanon/New Hampshire. Der Experte zählt die cVDPV zu den größten Hindernissen für die Ausrottung der Erkrankung (NEJM 2010; 362: 2346-2349).

Inzwischen mehrt sich die Kritik, ob es überhaupt gerechtfertigt ist, jedes Jahr 1 Milliarde US-Dollar für die Eradikationskampagne auszugeben. Der Herausgeber des Lancet, Richard Horton, riet der Bill & Melinda Gates Foundation-Stiftung jüngst, das Geld lieber anderen Gesundheitsprojekten zukommen zu lassen.

Der Bioethiker Arthur Caplan von der Universität von Pennsylvania in Philadelphia meinte gegenüber der New York Times, man müsse langsam akzeptieren, dass die Polio derzeit nicht besiegt, sondern nur kontrolliert werden könne.


Leserkommentare

polmu am Mittwoch, 9. Februar 2011, 22:20
Wenn Bill Gates
in 5 Jahren mehr Geld übrig hat als alle Rotarier, die auch nicht gerade zur Gruppe der Geringverdiener gehören, in 25 Jahren, heisst das im Klartext: Microsoft-Produkte sind hoffnungslos überteuert!
Gromer am Mittwoch, 2. Februar 2011, 23:28
Vielleicht sollten die Gegner der Kampagne auch einmal weiter denken
Die Kosten für die Erradikationsprogramme beziehen sich auf die Maßnahmen in ressourcenschwachen Ländern. In den Industrienationen ist jedoch ebenfalls eine dauerhafte Weiterimpfung bis zur Eradikation erforderlich. Die cVDPV-Problematik ist hierzulande durch die Totimpfstoffe (IPV) schon lange gelöst. Diese kosten nur eben mehr und müssen ggf. aufgefrischt werden.
Parallel wird an neuen Impfstoffen geforscht die diese Probleme lösen helfen sollen.
Bei HIV wurde ebenfalls bereits die Sinnhaftigkeit der Suche nach einem Impfstoff wiederholt in Frage gestellt. Und nun gab es erste Erfolge - fraglos noch weit entfernt von den Traumwerten der HPV-Impfung aber immerhin.

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