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Unterwegs – 17.12.2010

Her mit dem Geld: Arztbesuch in den USA

Eigentlich hätte es ja vorher klar sein müssen – vor allem, nachdem so viele Zeitungen im Vorfeld von Barack Obamas „Jahrhundert-Gesundheitsreform“ darüber berichtet hatten. Darüber nämlich, dass sich viele US-Amerikaner den Gang zum Arzt nicht leisten können, da sie weder versichert sind noch das Geld haben, den Arztbesuch aus eigener Tasche zu zahlen. Denn ein Arztbesuch in den USA müssen Patienten natürlich – anders als in den meisten Fällen in Deutschland – erst einmal aus der eigenen Tasche bezahlen. 

Urinprobe? Kein Problem, 100 Euro. Die Probe noch schnell ins Labor schicken? Selbstverständlich, für weitere 40 Euro. Arzneimittel auf Rezept? Nur mit der richtigen (und sehr teuren) privaten Versicherung. Immerhin, das Angebot an Generika ist nicht schlecht…

Doch was, wenn dieses Geld nicht vorhanden ist – wie anscheinend bei einem Großteil der bislang noch knapp 50 Millionen unversicherten US-Bürger? Oder die Versicherung derjenigen, die immerhin versichert nicht, nicht ausreicht für das Geplante, und die private Zuzahlung den eigenen finanziellen Spielraum sprengt? Herz-Kreislaufprobleme durch Stress? Lungenkrebs und Lungenerkrankungen durch Rauchen? Fettleibigkeit durch Frustessen? Alkohol- und Drogenkonsum durch Ausweglosigkeit? Das alles sind keine Seltenheiten in den USA. 

Die Schieflage wird noch dadurch verstärkt, dass es sich bei dem US-Gesundheitssystem um das Teuerste der Welt handelt. Mehr als 7.000 US Dollar betragen die Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben, der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP liegt bei sagenhaften 15,2 Prozent, der Anteil privater Gesundheitsausgaben an den gesamten Gesundheitsausgaben bei fast 55 Prozent.

Wären wenigstens alle US-Bürger versichert und die Behandlungsergebnisse entsprächen der Höhe der Ausgaben, ließe sich über das teuerste Gesundheitssystem der Welt streiten…

Bei aller Kritik am deutschen Gesundheitssystem – krank zu werden ist hier noch immer am besten!


Leserkommentare

Bruddler am Samstag, 1. Januar 2011, 08:03
Obszöne Rechnungen
Liebe(r) Ukirsten aus dem Bellevue Hospital,

durchaus immer wieder bewundernswert ist die informelle Hilfsbereitschaft in USA.

Aber aus "calvinistischer Sicht" ist es obszön, wie Behandlungsmaßnahmen
("procedures") gnadenlos der Rechnungsoptimierung folgen. Das ist VORSÄTZLICHE KÖRPERVERLETZUNG. Natürlich nicht in der Notaufnahme. Sie können von Glück sagen, wenn sie dort arbeiten dürfen und nicht in der Cardiologie, Gefässchirurgie oder "elektiven Bildgebung." Mir ist es bis heute ein Rätsel, wie kultivierte Menschen, nämlich consultant physicians and surgeons, derart enthemmt sinnlose "procedures" durchführen. Der Kommentar im DÄ von ein paar Monaen, in dem ein deutscher Arzt die absurde Diagnostik bei seiner Reisepartnerin beschrieb, ist keine Ausnahme, sondern bei "Selbstzahlern" ohne HMO die Regel.
Bruddler
Bernd E. am Donnerstag, 30. Dezember 2010, 10:32
mehr Adipöse, weniger Raucher
Sehr geehrte Frau Spielberg,

vielen Dank für Ihren netten Artikel. Die Ursachen liegen doch ganz wo anders.
Es ist im Sinne des sozial verträglichen Ablebens politisch korrekt, wenn sich die Bevölkerung in Disziplinlosigkeiten ergibt. Unser BKV-Vorsitzender lebt die Korpulenz ja so richtig vor, kann gerade noch aus den Augen sehen!
FJS konsumierte sich tot, Alt-BK Kohl und vielen von seiner Rasselbande wird es genauso ergehen. Und der liebe Joschka trat als Spargeltarzan an und sieht jetzt aus wie ein Engerling.
Die Disziplinlosigkeit macht das Gesundheitssystem unbezahlbar, die GKV und PKV sind nicht an einem BMI kleiner als 25 interessiert, ein Cotinintest ist heranzuziehen bei Erstattung der Arzeneimittelkosten bei COPD/Asthma bronchiale. Diese Liste ließe sich noch erweitern.
Bei Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung sind die pekuniären Strafen zwar lästig, werden jedoch akzeptiert--wenn's aber um die Gesundheit geht, wird dieses Vorgehen als unsozial angeprangert und in die braune Ecke geschoben.
Bei allen medizinischen Fortbildungen-besonders in der Diabetologie- hört man kein Wort über diese Disziplinlosigkeiten, so daß man glauben könnte, unsere Professoren hätten einen politischen Maulkorb zu tragen und seien vergattert worden, zu schweigen und nur
Medizin am pathophysiologischen Limit zu erforschen und behandeln.
Aber wenn wir weiterhin uns in die Richtung homo mcdonald entwickeln, werden die Kosten explodieren.
Mit den besten Grüßen und Wünschen zum Jahreswechsel
Ihr Bernd E.



ukirsten am Donnerstag, 30. Dezember 2010, 07:58
Einseitig
Es bleibt unklar, woher der Autor seine Informationen bezieht. Mehr als ein Klischee beschreibt er jedenfalls nicht.
Seit 10 Jahren lebe ich in den USA und arbeite hier als Aerztin. Ich habe noch nie einen Arztbesuch oder einen Test "erst einmal aus der eigenen Tasche bezahlen" muessen. Waehrend des Arztbesuches ist ueblicherweise nur der "Co-Pay" faellig. Ich bin krankenversichert - das schuetzt nicht davor, dass man nach abgeschlossener Behandlung haeufig einen stattlichen Anteil einer eventuell aufgeblasenen Rechnung selbst bezahlen muss.
Als meine Schwiegermutter sich waehrend eines Besuches in den USA den Arm brach - unversichert, konnten wir sofort ins Krankenhaus und erst als sie laengst zurueck in Indien war, hat mein Ehemann fuer die Behandlung bezahlt.
Ich habe ueber viele Jahre unversicherte Amerikaner und Auslaender (im Lande lebende oder nur zu Besuch weilende) - in Bellevue Hospital, dem aeltesten Public Hospital der USA, behandelt ohne auch nur einmal nach den finanziellen Resourcen zu fragen. Das Unversicherte in den USA nicht behandelt werden stimmt also nicht - es ist weitaus komplexer. Natuerlich macht der Mangel an Versicherung das amerikanische Gesundheitssystem nicht billiger (z.B durch Behandlung in der Notaufnahme).

Wo die "sehr teure" Privatversicherung herkommt, bleibt auch unklar. Die meisten Amerikaner sind ueber den Arbeitgeber versichert und zahlen selbst nur einen relativ kleinen Beitrag des Nettoeinkommens.

Ich moechte das amerikanische System nicht verteidigen, weder Kosten noch Qualitaet, aber eine etwas differenziertere Analyse scheint angemessen. Wichtige Ursachen fuer die ausufernden Gesundheitskosten in den USA werden leider nicht angesprochen (z.B. Kosten in den letzten 2 Lebensjahren, undurchsichtige Abrechnungsverfahren).

Last but not least "Herz-Kreislaufprobleme durch Stress? Lungenkrebs und Lungenerkrankungen durch Rauchen?......." - gibt es wohl auch in Europa zu genuege.
pajopapa am Dienstag, 21. Dezember 2010, 08:45
Warum ist das deutsche Gesundheitssystem so gut?
Weil die unbegrenzte Inanspruchnahme von Leistungen durch die kostenlose ( jenseits des Regelleistungsvolumens) Mehrarbeit der Ärzte ermöglicht wird. Dies würde im Land der "Freiheit" nicht akzeptiert und wohl auch nicht erwartet.
Also seit froh über unsere geldgierigen Ärzte hier!
gschneid am Freitag, 17. Dezember 2010, 19:09
Nichts Neues...
In dem Kommentar steht nichts wesentlich Neues. In den USA lebt es sich toll...wenn man gesund ist und nicht arm.
gs

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