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Gesundheit – 09.11.2010

USA: Umstrittene Lucentis-Prämie

Ein beschämendes Marketing: Die New York Times berichtete letzte Woche, dass der Hersteller Genentech ausgewählten US-Ärzten Rabatte einräumt, wenn sie ihren Umsatz von Lucentis erhöhen. Das Medikament ist dort seit Juni zur Behandlung der feuchten Makuladegeneration zugelassen, kostet aber 40 bis 100 Mal so viel Avastin, das einen nahezu identischen Wirkstoff enthält.

Viele Augenärzte bevorzugten deshalb Avastin – und entlasteten damit die staatliche Krankenkasse für Senioren Medicare, die 2008 nur 20 Millionen US-Dollar für 480.000 augenärztliche Injektionen von Avastin ausgab, während 337.000 Lucentis-Injektionen 537 Millionen US-Dollar kosteten.

In den USA haben Augenärzte wie andere Fachärzte auch ein Dispensierrecht. Sie kaufen die Medikamente ein und stellen sie den Versicherungen oder dem Versicherten direkt in Rechnung. Ein Rabatt von 1 bis 1,5 Prozent erscheint wenig, ein US-Ophthalmologe kann aber aufgrund des hohen Preises und der häufigen Indikation seinen Umsatz schnell um 10.000 US-Dollar im Monat steigern, hat die New York Times ausgerechnet.

Dies ist zweifellos ein wirtschaftlicher Anreiz für Mediziner, ein teures Medikament zu bevorzugen und den Kostenträger zu schädigen. Derartige Rabatte sind in den USA legal, obwohl sie die Bemühungen zur Kostendämpfung untergraben.

Medicare hatte jüngst beschlossen, die Vergütungen für die Injektionen um etwa die gleiche Summe zu senken, die die Ärzte jetzt durch die Rabatte „zurückerhalten“. Dies dürfte noch ein zusätzlicher Anreiz sein, den Patienten das speziell für den Einsatz am Auge entwickelte Medikament zu empfehlen – und so Einnahmeverluste zu vermeiden.

Wer jetzt dem Dispensierrecht nachweint, sollte bedenken, dass die Rabatte nur ausgewählten Augenärzten mit hohen Verordnungszahlen angeboten wurden. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten weht mitunter ein rauer marktwirtschaftlicher Wind, bei dem sich hierzulande wohl viele die Augen reiben würden. Der Hersteller hat die Praxis übrigens nicht dementiert. Rabatte so heißt es, seien in der Wirtschaft nicht ungewöhnlich…


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