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Dr. werden ist nicht schwer... – 07.08.2010

Hopp Schwiiz (Goodbye Germany Teil 2),

Ihr – meine lieben Leser – habt mir zu meinem letzten Blogeintrag diverse Fragen gestellt und Rückmeldung gegeben. Zu Euren Fragen sei so viel verraten: ich habe eine Stelle in der Schweiz angetreten und bin – auch wenn es mein Pseudonym anders nahelegt – in keinem internistischen Fach gelandet.

Es hat mich gefreut, dass es zu meinem letzten Eintrag eine Diskussion gegeben hat. Natürlich mag auch ich mich dazu äußern. Mich aufgrund eines kurzen Beitrags als „geldgeil“ und „überflüssig wie ein Kropf“ zu bezeichnen, halte ich für unverhältnismäßig aggressiv. Wäre ich wahrhaft geldgierig, hätte ich sicherlich einen anderen Berufszweig oder innerhalb der Medizin eine andere Fachrichtung wählen müssen.

Bei meinen Bewerbungsgesprächen hatte ich die Möglichkeit, verschiedene Arbeitsstellen miteinander zu vergleichen – von der 90%-Stelle am Meer bis hin zur 30-Dienste-für-3-Assistenten-Stelle in einer eher tristen Umgebung. Keine Stadt bot den Charme meines heutigen Wohnorts in der Schweiz.

Kein Krankenhaus hatte einen annähernd so großen Namen oder eine annähernd so moderne Einrichtung. Es wäre bestimmt möglich gewesen, ein ähnliches Gehalt in Deutschland zu erzielen – ein potenzieller Arbeitsgeber bot mir Überstundenabrechnung und ein attraktives Dienstvergütungsmodell. Doch das Gesamtpaket verschlug mich dahin, wo ich heute bin.

Und es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass ich dafür auch etwas in Kauf nehmen muss. Die Entfernung zu meinen Eltern, Geschwistern sowie meiner Freundin ist hierbei an erster Stelle zu nennen. Dann wäre da noch die Tatsache, dass man als (hoch-)deutschsprachiger Arzt immer eine kleine aber bemerkbare Hürde zu seinen Arbeitskollegen und Patienten überwinden muss. Zudem wird die Schweiz – soweit ich vernehmen konnte – demnächst DRGs einführen…

Ist also auch nicht im Paradies gelandet,

Euer Anton Pulmonalis


Leserkommentare

jetfriend am Montag, 13. September 2010, 06:18
@Thelber
Das mit den Steurzahlern: diese Bedenken hat Deutschland doch auch nicht, wenn wir Ärzte aus Österreich, Polen etc. aktiv anwerben und dann anstellen...Oder habe ich da einen Teil des Diskurses verpasst?
frusti am Dienstag, 17. August 2010, 11:46
Finanzierung - Dann würde auch kein Arzt D verlassen
Ein Stundensatz von bis zu 500 Euro für einen Anwalt ist nicht unbedingt "Wucher". Das hat das Oberlandesgericht Koblenz klargestellt. Demnach darf ein Anwalt je nach den Umständen des Einzelfalles einem Mandanten durchaus so tief in die Tasche greifen (Az.: 5 U 1409/09).

kleine_Nummer am Samstag, 14. August 2010, 06:47
Gratulation zu dem Entschluss
Werter Anton,
Gratulation, auch als hochdeutschsprechender Kollege ist die Schweiz ein sehr offener und freundlicher Arbeitsplatz. Je nach Interesse lässt sich dort das italienisch oder französisch leicht aufbessern, so dass sich auf einfache weise weitere Türen in Europa öffnen. Von den landschaftlichen Möglichkeiten ganz zu schweigen.
Die Distanz zur Freundin und Familie ist natürlich ein gewisses Opfer, aber es sollte nich dazu verleiten dauernd auf dem Weg nach Hause zu sein.
Habe selber einen Teil meines PJs dort verbracht und habe sehr sehr gute Erinnerungen an die Kollegen und die Stadt. Auch die dargestellte Abwägung kann ich nur unterschreiben.
Schuldgefühle bzgl. der Ausbildungsfinanzierung sollte keiner haben. Ich kann mich nicht erinnern etwas ähnliches für Wirtschlaftler/Juristen/Pädagogen oder Biologen gelesen zu haben.
Was die deutsche Versorungslandschaft angeht, ja es gibt sehr schöne Orte. Habe selber in zwei der besten Urlaubsorten gearbeitet. Aber beidemale hatte ich mehr als 10 Dienste im Monat (und das waren 24h im Vordergrund oder 80h (Wochenende) im sog. Hintergrund (aber mit max. 10 minuten Anfahrt - hoffentlich liessts das Gewerbeaufsichtsamt ;)) ). Da kommt man nicht dazu den Ort zu geniessen.
Hier in Neuseeland passt die Balance zwischen Arbeit und Freizeit so gut, dass ich mich auf jeden Wochentag freue.
Two thumps up für den Entschluss und weitersagen.
gammon am Donnerstag, 12. August 2010, 18:51
Finanzierung
Ich muß immer wieder schmunzeln wenn auf die Finanzierung unseres Studiums durch den Steurzahler hingewiesen wird. Insbesondere wenn es es dann noch heißt, daß es so schlimm dann ja auch wieder nicht wäre..

Doch, es war schlimm, zumindest Ende der 90'er und danach. Wenn es doch wenigstens ein bischen strukturierte Ausbildung Im AiP gegeben hätte... vielleicht wäre ich geblieben.


Nun, liebe Mahner, lasset uns ein Licht anzünden, nein, besser drei:

1. Allein die vielen unbezahlen Überstunden sollten meine Ausbildung (der Begriff grenzt ja schon fast an Hybris!) bereits abgegolten haben, da sie letztlich Geld sind, das im großen Topf des Bundeshaushaltes verblieben oder an die Unis gegangen ist, anstatt auf mein Konto zu fließen. Oder inzwischen auch auf die Konten von Banker und anderen verantwortungsvollen und rückzahlbereiten Mitbürgern.

2. Desweiteren haben sowohl ich als auch meine Eltern damals Steuern bezahlt.

3. Und dann habe ich ja auch einige Jahre in D-Land gearbeitet; das muß der Logik der Mahner hier im Forum nach ja auch angerechnet werden, ansonsten müsste ja auch jeder in D-Land ausgebildete und dort arbeitende Arzt in die Pflicht zur Rückzahlung (das ist es doch was Sie sagen wollen, oder?) genommen werden.


Und wo genau steht eigentlich, daß ein Studium quid pro quo sei?

Wie auch immer - ich bin BRD und habe mein Studium finanziert. Einfach mal aufhören zu meckern und selber 'rübermachen, da werden Sie geholfen.

Godspeed
Andreas Skrziepietz am Donnerstag, 12. August 2010, 18:35
Herr, schmeiß Hirn vom Himmel!
"Auf der anderen Seite ist es doch so, dass die Steuerzahler der BRD Ihr Studium großenteils finanziert haben"

Die Steuerzahler finanzieren den Bankrotteuren diverser Banken ja auch das Gehalt. Die Steuerzahler der BRD sind eben ziemlich blöd. Aber wem sage ich das...
richtigsteller am Mittwoch, 11. August 2010, 12:15
richtig gemacht
Ins Ausland zu gehen ist leider die einzig richtige Konsequenz die man aus der deutschen (Gesundheits-) Politik ziehen kann. Ich werde das nach meinem PJ auch bald tun.
Arbeitsbedingungen in Deutschland sind einfach schlecht, oft kann Patienten wegen finanzieller Restriktion nicht richtig geholfen werden.

Ein schlechtes Gewissen wegen der angeblich hohen Ausbildungskosten in D habe ich dabei überhaupt nicht. Meines Erachtens ist davon nur ein Bruchteil in der Lehre angekommen, die überaus mieserabel ist!

Wenn Deutschland nicht bereit ist die Absolventen des langwierigsten und komplexesten Studiums des Landes angemessen zu entlohnen statt zu bürokratisieren und restriktieren dann müssen deutsche Patienten wohl in Zukunft rumänisch lernen wenn sie behandelt werden wollen.
mocca am Mittwoch, 11. August 2010, 08:46
Quo vadis?
Hallo Anton Pulmonalis,

mich würde interessieren, in welchem Ort in der Schweiz du eine Stelle gefunden hast bzw. welche Klinik, falls das nicht zu indiskret ist.
Ich spiele selbst seit längerem mit dem Gedanken in die Schweiz auszuwandern.

Grüße

Mocca
Thelber am Dienstag, 10. August 2010, 22:22
Godbuy BRD, die Ihr Studium großteils finanzierte ....
Lieber Anton,
(ich darf Sie der Einfachheit halber so anreden), ich finde es schön und gut, dass Sie diese Abwägung hier benennen.

Auf der anderen Seite ist es doch so, dass die Steuerzahler der BRD Ihr Studium großenteils finanziert haben. Sollten Sie diese Kosten zurückzahlen müssen, so würde die Stelle in der Schweiz sehr schnell wieder unattraktiv für Sie - vermute ich einmal.

Ganz so schlecht, wie gejammert wird, ist es hier in D-land nun doch auch wieder nicht, oder ?

Schöne Ecken haben wir in der BRD übrigens auch gar nicht so wenige !!

Dennoch alles Gute für ihre Zukunft - vielleicht finden Sie mit diesen oder ähnlichen Überlegung doch wieder einmal zurück in die Heimat.

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