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Gratwanderung – 19.07.2010

Unterstützung beim Suizid verstößt gegen ärztliches Ethos

Die deutschen Ärzte lehnen mit großer Mehrheit (61 Prozent) eine Unterstützung beim Suizid ab. Das geht aus einer Allensbach-Umfrage im Auftrag der Bundesärztekammer hervor. Die Argumente liefert die Befragung gleich mit. Die Mehrheit der Ärzte, überraschenderweise sogar die Befürworter einer Legalisierung sieht die Gefahr, dass sich die Menschen als Belastung sehen könnten. Sie gehen aber auch davon aus, dass die ärztliche Suizidbeihilfe gegen den hippokratischen Eid und damit gegen das ärztliche Ethos verstoßen.

Und damit geben sie der Bundesärztekammer ein deutliches Signal, dass sie keineswegs, wie häufig behauptet, eine dementsprechende Änderung der Berufsordnung beziehungsweise der Grundsätze zur ärztlichen Sterbebegleitung erwarten. Zu wünschen wäre vielmehr eine Präzisierung.

Aus den Ergebnissen geht außerdem hervor, dass der flächendeckende Ausbau palliativmedizinischer Versorgungsstrukturen dringend erforderlich. Denn dann wird der Ruf nach aktiver Sterbehilfe wohl hoffentlich endgültig verhallen. Das hofft auch der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, zu Recht.

Unterstützt wird diese Einschätzung des Bundesärztekammer-Präsidenten durch das Umfrageergebnis, wonach Palliativmediziner eine deutlich kritischere Haltung gegenüber jeder Form der Sterbehilfe einnehmen. Also gerade die Ärzte, die besonders viel mit Sterben und Tod konfrontiert sind, vertreten nur zu acht Prozent (Ärzte insgesamt: 54 Prozent) die Ansicht, dass durch den ärztlich begleiteten Suizid ein Patient unnötig lange Schmerzen erleiden muss.


Leserkommentare

advokatus diaboli am Mittwoch, 21. Juli 2010, 10:31
In dubio pro libertate!
„Im Innersten seines Gewissens entdeckt der Arzt ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muss und dessen Stimme ihn immer anruft, das Gute zu lieben und zu tun und das Böse zu meiden und so, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt ... Denn der Arzt hat ein Gesetz, das von Hippokrates seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seine Würde ist und er hieran von den Nachfolgern Hippokrates stets aufs Neue zu erinnern ist.“

Nun – wie es scheint, hat die Aufgabe der stetigen Mahnung an den Hippokratischen Eid die BÄK kraft eigener Zuständigkeitserklärung übernommen, obgleich doch hier die Landesärztekammern gefordert sein dürften.

Die aktuelle Repräsentativbefragung der bundesdeutschen Ärzteschaft rund um das Thema der Legalisierung der ärztlichen Suizidbeihilfe hat die Ärztefunktionäre (und in der Folge werden sich sicherlich auch die Oberethiker zu Worte melden) zu Interpretationen veranlasst, die wir zur Kenntnis nehmen können, wenngleich ohne einen Grad an Verbindlichkeit. Die Ergebnisse waren nicht sonderlich überraschend und haben „nur“ das bestätigt, was ohnehin bekannt ist. Mehr als ein Drittel der Ärzteschaft wünscht sich eine liberalere Regelung, auch wenn im Übrigen das selbstverständliche Postulat bestätigt wird, wonach die Palliativmedizin weiter ausgebaut gehört.

Die Bundesärztekammer gerät langsam aber sicher und Zugzwang: Es ist nicht länger mehr hinnehmbar, die individuelle Gewissensentscheidung eines freien Berufsstandes zu ignorieren. Die Novellierung des Berufs- und Standesrechts wird sich an den tragenden Prinzipien unserer Verfassungsordnung zu orientieren haben und hierbei könnte es denn auch Sinn machen, sich der Grundkonzeption der Grundrechte als Freiheitsrechte zu erinnern, auch wenn manche Berufsethiker erhebliche Probleme haben, neben ihrer intraprofessionellen Bereichsethik sich mit dem gewaltigen und im Übrigen maßgeblichen Fundus der Rechtsethik (!) thematisch überhaupt auseinanderzusetzen. Die professionelle Medizinethik mit ihren unsäglichen Botschaften ist im Begriff, das Selbstbestimmungsrecht des Patienten zu denaturieren und hierdurch wird ein Verständnis von bedeutsamen Rechtsprinzipien offenbart, dass sich eher durch Intoleranz denn durch ein tugendethisches Streben nach liberalen Lösungen auszeichnet.

Auf den Punkt gebracht: Derzeit scheitert die Liberalisierung der Sterbehilfe ausnahmslos an den Funktionären der BÄK und einiger Landesärztekammern und dies gereicht letztlich zu Lasten einiger schwersterkrankter Patienten. Eine „Arztethik“ wird sich gegenüber dem Vorwurf zu erwehren haben, um der „Seligpreisung eines Hippokrates“ willen Grundrechte nicht nur ihrer verfassten Ärzteschaft, sondern mittelbar auch der Patienten dauerhaft zu versenken.

Was also ist gefordert?

Die Legalisierung der ärztlichen Suizidbeihilfe!


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