48/127

Lesefrüchtchen – 25.06.2010

Hans J. Sewering, hoch gestiegen, tief gefallen

Mit Professor Hans Joachim Sewering, der heute in seiner Heimat Dachau beerdigt wird, tut sich die Ärzteschaft schwer, sehr schwer. Würdigen oder vergessen? Würdigen als großen Ärztepolitiker, oder vergessen, um endlich die Zentnerlast loszuwerden, die S. der Ärzteschaft auferlegt hat. Zweifellos, S. war über Jahrzehnte der mächtigste Standespolitiker der Ärzte in der alten Bundesrepublik. Dafür sorgten Ämterkumulation – in Bayern die Doppelspitze in Kammer und KV, im Bund Vize –, schließlich Präsident der Bundesärztekammer, um nur die wichtigsten Ämter zu nennen – und analytische Gabe gepart mit Machtinstinkt.

1978 der Sturz. Der Deutsche Ärztetag zwang S. zum Rücktritt. In Bayern hielt er sich noch bis 1991 (Kammer) und 1992 (KV). Ursächlich für den gestuften Abstieg waren nicht allein die NS-Verwicklungen, die in der Öffentlichkeit mit Sewerings Namen zuverlässig assoziiert werden. Den Ärztetag störte ein anhaltender Streit mit den bayerischen AOK wegen der kreativen Nutzung eines Mammomaten in S. Lungenarztpraxis. Und die Bayern waren am Ende die fast 40-jährige Herrschaft ihres "Königs von Bayern" leid. 

Die NS-Geschichten flackerten im Untergrund. Die schon als sicher geglaubte Wahl zum Präsidenten des Weltärztbundes scheiterte 1993 indes eindeutig an der NS-Vergangenheit von S.  Bruchstückhaft war über Jahre herausgekommen, dass S. nicht nur früh der NSDAP, sondern auch der SS angehört hatte. Vor allem aber, dass er in den 1940er Jahren behinderte Kinder aus der Anstalt Schönbrunn in die Nervenklinik Haar überwiesen hatte, wo sie, vermutlich Opfer der Euthanasie, alsbald zu Tode kamen. S. hat bis zum Schluss bestritten, Patienten der Euthanasie ausgeliefert zu haben. Die Nachforschungen halten an.

Diese Biografie eines ihrer hervorragenden Repräsentanten belastet die Ärzteschaft bis heute. Das hinderte nicht, S. 1992 mit der Paracelsus-Medaille auszuzeichnen und zum Ehrenmitglied des BÄK-Vorstands zu wählen, ein Amt, das S. bis in seine letzten Jahre aktiv wahrnahm. Noch 2008 verlieh ihm der Berufsverband der Internisten ungerührt und zum Protest der DG die Budelmann-Medaille. Ehrungen wegen der berufspolitischen Verdienste. Vielleicht aber auch Trotzrekationen auf die anklagende öffentliche Meinung, Solidarbekundungen wie sie ja auch aus anderen hierarchisch geprägten, geschlossenen Gemeinschaften bekannt sind.


Leserkommentare

prawda am Dienstag, 29. Juni 2010, 16:49
Fehlbar
Prof. Sewering hat sich m. W. nie öffentlich von seiner 30er und 40er Jahre Vergangeheit distanziert. Schade. Er hat die flächendeckende QS Perinatologie inittiert und die erste Gutachterkommission wg. 'Kunstfehlern' gegründet. Hoch anständig und sinnvoll. Eine - wie würde man sagen - illustre Person, die vielfach zum Prellbock und Blitzableiter wurde. Möge seine Seele in Frieden ruhen und aus seinen Taten gelernt werden, so oder so...
zornbüttel am Freitag, 25. Juni 2010, 19:42
Sewering: "Der Ärzteschaft auferlegt..."
Zu diesem vor diplomatischer Verrenkung triefenden Kommentar darf man getrost einige Ergänzungen vornehmen:

1. Sewering habe der Ärzteschaft eine "Zentnerlast auferlegt".

Sehr nett. Wer bitteschön hat denn diesen Herrn in seine Funktion gewählt? Nicht die Ärzteschaft? Seine Vergangenheit ist seit den 50-er Jahren öffentlich bekannt gewesen.

2. "Kinder aus der Anstalt Schönbrunn in die Nervenklinik Haar überwiesen hatte, wo sie, vermutlich Opfer der Euthanasie, alsbald zu Tode kamen".

Vermutlich? Wieso vermutlich? Oder meint der Autor vielleicht, die Kinder hätten nach Kontakt mit dem Rasierwasser der SS-Männer eine Anaphylaxie erlitten?

3. "S. hat bis zum Schluss bestritten, Patienten der Euthanasie ausgeliefert zu haben. Die Nachforschungen halten an".

Mit den Nachforschungen (die längst zu einem klaren, allerdings nicht gerichtlich sanktionierten, Ergebnis gekommen sind), wartet man am besten so lange, bis alle Beteiligten tot sind. Bis auf die eine oder andere hochbetagte, ehemalige Schwester aus der Anstalt Schönbrunn, ist dieses hehre Ziel erreicht worden. Was will man mehr?


Bookmark-Service:
48/127
Lesefrüchtchen
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gesundheit
Gratwanderung
Sea Watch 2
Pflegers Schach med.
PJane
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs
Vom Arztdasein in Amerika