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Dr. werden ist nicht schwer... – 09.06.2010

Wird Probearbeit nun auch in der Medizin Usus?

Studenten, die sich derzeit um Nebenverdienst bewerben, werden sie sicher bereits kennengelernt haben: die Probearbeit. Ein Bekannter von mir gab seine Bemühungen um eine Aushilfsstelle in einer Videothek auf, als er zum dritten Mal ohne Gehalt zur Probe arbeiten sollte. Leider findet diese Unsitte mit der verschlechterten Arbeitsmarktsituation einhergehend weiter Verbreitung.

Daher sollte man zumindest annehmen, dass es Ärzten aufgrund der beinahe als rosig zu bezeichnenden Nachfrage nicht passieren dürfte, für unbezahlte Arbeit missbraucht zu werden… Ich wurde eines besseren belehrt.

Als ich mich an einem großen badischen Klinikum bewarb, erhielt ich die Rückmeldung, dass man sich für meine ansprechende Bewerbung bedanke und ich doch bitte einen ganzen Arbeitstag am Klinikum verbringen solle, um dieses kennenzulernen und die Chance zu haben, kennengelernt zu werden.

Die Idee fand ich gut, auch wenn mir ein wenig mulmig zumute war, da es sicherlich schwerer fällt über mehrere Stunden unter Anspannung zu gefallen als in einem hierzu relativ kurzen Gespräch.

Die Grundidee war bestimmt gut. Ich sollte die Gelegenheit haben, alle Kollegen kennenzulernen und mit ihnen ein ungezwungenes Gespräch unter vier Augen führen. Bis neun Uhr hatte ich mir von zwei Stationsärzten über ihren Berufsstart im Hause berichten lassen, eine Visite mitgemacht, an der Frühbesprechung teilgenommen und die aus dem Nachdienst scheidende Assistentin gesprochen. Nun sollte ich in den OP und „auch die Kollegen, die nach der Frühbesprechung dort tätig sind kennenlernen“.

Ein Kollege begleitete mich in den OP-Trakt. Ich stand als vierter Operateur unter dem Namen „Gast“ auf dem Plan. Doch der dritte Operateur war nicht anwesend, sondern tat Dienst auf der Station. Offensichtlich nutzte man die Entlastung durch meine Anwesenheit zur Optimierung von Arbeitsressourcen.

Dies bedeutete, dass ich nun – was mir irgendwie bekannt vorkam – Haken halten durfte. Da ich ja eigentlich zum Kennenlernen da war, stellte mir die Oberärztin alle paar Minuten eine Frage wie: „Wo haben sie studiert?“, „Warum haben sie dieses Fachgebiet gewählt?“. Nur war keiner wirklich an meinen Antworten interessiert. Es entwickelte sich kein wirkliches Gespräch.

Nach einer guten Stunde hatte ich den nötigen Grad an Magengrummeln erreicht, um aktiv nach einem Ausweg suchen zu wollen. Also fragte ich, wann ich denn die Kollegin, die als dritter Operateur genannt wurde, kennenlernen würde.

In diesem Moment hatte ich den Eindruck, dass man mich anscheinend trotz Anwesenheit und Mithilfe vergessen hatte. Man rief die Kollegin zur Ablösung und ich konnte nach gefühlten drei Stunden Hakenhalten (in Wahrheit dauerte mein Einsatz nicht länger als ein Fußballspiel) den OP-Saal reichlich beleidigt verlassen.

Mit dem Selbstbewusstsein einiger Zusagen im Gepäck war mir in diesem Moment klar, dass ich nicht an diesem Haus arbeiten wollte. Also wartete ich weitere gefühlte drei Stunden (es war diesmal aber wohl eher ein Fußballspiel, das durch Golden Goal entschieden wird) auf den Leiter der Abteilung, um ihm mitzuteilen, dass ich mich für eine andere Stelle entscheiden werde.

Ich hielt meinen Ärger zurück und hatte sogar noch ein sehr angenehmes Gespräch mit ihm. Wahrscheinlich ist ihm direkt gar kein Vorwurf zu machen. Schließlich hatte ich – ohne das sarkastisch zu meinen – wirklich die Gelegenheit, seine Abteilung kennenzulernen.

Fragt sich nicht wirklich, ob Videotheken professionelle Hilfe bei der Bewerberauswahl brauchen...

Euer Anton Pulmonalis


Leserkommentare

Dirk A. am Freitag, 18. Juni 2010, 22:25
@Wird Probearbeit nun auch in der Medizin Usus?
Und die Moral von der Geschicht' :

Es gibt immer noch keinen so spuerbaren Ärztemangel in Deutschland,
dass sich wirklich was ändert.

Wurden Dir wenigstens die Anreisekosten zur Klinik + Verpflegung erstattet?

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