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praxisnah – 25.05.2010

Zweiklassenmedizin (II)

'Zweiklassenmedizin' ist der Schlachtruf der gesetzlich Krankenversicherten, und wird gewohnheitshalber mit Adjektiven wie 'übelst' versehen. Daher fällt es mir schwer, mich als Privatversicherten zu outen, und mache lieber einen großen Bogen um die überfüllten Wartezimmer meiner Kollegen.

Aber auch mich plagt der altersbedingte Abrieb, daher soll ich auf Anraten des Rheumatologen meines Vertrauens meine Hände röntgen lassen. Ich sitze nun im Wartezimmer, mir gegenüber ältere Damen mit osteoporotischem Rundrücken, betagte Herren mit gonarthrotischer Auftreibung der Kniegelenke.

Ich komme mir mit meinem singulär aufgedunsenen Interphalangealgelenk dagegen wie ein Simulant vor. Krampfhaft durchforste ich die ausliegenden Zeitschriften nach einer Schlagzeile wie 'Rheuma ohne Gelenkveränderung - natürlich gibt es das!', aber die Regenbogenblätter machen keinerlei Anstalten, mir aus meinem Dilemma zu helfen.

Wahrscheinlich ist das ihre subversive Rache dafür, dass ich sie zeitlebens immer mit Verachtung gestraft hatte. Die freundliche MTRA kommt in das Wartezimmer und ruft: „Herr Doktor Böhmeke, bitte!“, obwohl ich noch gar nicht an der Reihe bin.

Verlegen stolpere ich in den Röntgenraum, vorbei an den schon länger Wartenden, und fühle alle gesetzlich krankenversicherte Augenpaare auf meinen Rücken geheftet, der nicht osteoporotisch verkrümmt ist.

Förmlich kann es auf meiner Rückseite lesen: Der kommt zuerst dran, weil er Doktor ist und privat versichert, wir müssen warten, eine Schande ist das! Es gibt Momente, da mag ich meinen Beruf und meinen Versichertenstatus überhaupt nicht.


Leserkommentare

Michael Heins am Samstag, 5. Juni 2010, 00:08
Nur die Ruhe...
"Zweiklassenmendizin" ist üblicherweise nicht der Ausdruck der gesetzlich Versicherten, sondern der Verwalter ihres Zwangsbeitrages, die denselbigen lieber in ihrer Bürokratie sahen, und zudem selber meist privat krankenversichert sind.
Mir konnte noch niemand erklären, warum es für ein Produkt, welches zu 90% vom Gesetzgeber vorgeschrieben ist, 150+ gesetzliche Krankenkassen geben muss, die alle zusammen einen gigantischen Verwaltungswasserkopf durchfuttern.
Eine einzige "Deutsche Gesetzliche Krankenkasse" mit effizienter Verwaltung würde völlig ausreichen und die freiwerdenden Gelder stünden für die Patientenversorgung zur Verfügung.
Ich werte Ihre Gefühle als klassischen Fall von "Fremdschämen" und empfehle zur Kur einen Aufenthalt im kapitalistischen Ausland.
rostm am Dienstag, 1. Juni 2010, 17:58
wieso peinlich?
fragen Sie mal Ihre Patienten, die auf Sie warten, während Sie beim Radiologen brav warten, dass Sie an die Reihe kommen. Die haben sicher nichts dagegen, wenn er Sie vorzieht, damit Sie so schnell wie möglich wieder arbeiten können, oder?
Dieter am Freitag, 28. Mai 2010, 10:14
typisch deutsche LeiDkultur?
Leitkultur in Deutschland ist auch immer Neid, Missgunst: Das zerrüttet oft auch das "kollegiale" Verhältnis der Leistungserbringer untereinander. Deutschland hat soviel LeiDkultur aber nur noch wenig sinnstiftende Leit-Linien-Kultur.
frusti am Donnerstag, 27. Mai 2010, 08:35
die bedenken plagen wohl nur ärzte
und nicht den klamottenverkäufer, der 50% rabatt auf seine klamotten kriegt oder den 20 jährigen kfz schlosser der marke x, der den spitzenkombi der marke für "n appel unn ei " fährt.....
Thelber am Dienstag, 25. Mai 2010, 22:31
... noch peinlicher ist das nur dann, wenn die MFA ...
... den "Doktortitel" benutzt und ich überhaupt keinen erworben habe ....

Abgesehen davon ist es mir überhaupt nicht peinlich, wenn ich in den Wartezimmern der Kollegen nicht allzu lange sitzen muss. Treffe ich dort doch häufig genug eigene Patienten, die mich dann gerne neugierig ausfragen ....

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