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praxisnah – 19.04.2010

Zweiklassenmedizin (I)

Ich bin im Gespräch mit einer Patientin, die unter Vorhofrhythmusstörungen leidet und heute morgen ein längeres Gespräch mit dem Leiter der elektrophysiologischen Abteilung einer kardiologischen Klinik zur Frage ablativer Verfahren hatte.

"Und zum Schluss", so empört sie sich, "hat er mich doch glatt gefragt, ob ich privat versichert wäre, das ist doch ungeheuerlich!" Ich entgegne ihr, dass auch Kliniken Wirtschaftsbetriebe sind und sich finanzieren müssen. Die Behandlung von Privatpatienten stellt eine wichtige Einnahmequelle dar, die es ermöglicht, moderne Geräte anzuschaffen, neue Techniken vor zuhalten, und aktuelle Verfahren zu etablieren. Freundlichere Räume zu schaffen, genügend Pflegekräfte einzustellen und auszubilden.

Auch ich kann meine Geräte, die so teuer sind wie ein Automobil der Oberklasse, nur über diese Querfinanzierung realisieren, die den gesetzlich Versicherten dann zugute kommt. "Aber so etwas darf er doch nicht fragen, das ist doch übelste Zweiklassenmedizin!" Warum nicht? So lange sie in der ersten Klasse mitgenommen wird, kann ihr das doch egal sein.


Leserkommentare

jetfriend am Sonntag, 22. August 2010, 18:00
@blessing.hno : god bless you
auf den Punkt gebracht. Und dann aber bitte auch für die Familie das gleiche beantragen. Nix kostenfrei mitversichern (was ich aber prinzipiell, zumindest für und solange Kinder da sind okay finde)
blessing.hno am Sonntag, 22. August 2010, 12:31
Zweiklassen-Medizin ist überflüssig- jeder in die 1.Klasse !
Das geht ganz einfach : 2- Zeilen-Brief an die kranke Kasse: 1. ich wähle Kostenerstattung nach Paragraph 13 für Arzt / Zahnarzt / Medik. ab nächsten Monat. 2. Bitte bestätigen Sie den Zeitraum meiner Wahl .
Dann ist der GKV-Pat. 1.Klasse bei seiner kranken Kasse versichert. Wo liegt das Problem ?
Arzt-Rechnung zu teuer ? > Rede ein ernstes Wort mit dem Arzt.
Erstattung der Kasse zu niedrig: Rede ein ernstes Wort mit der Kasse !
So einfach ist das - ganz ideologiefrei !
adonis am Mittwoch, 5. Mai 2010, 16:29
Auch ich bin der Meinung dass es unangemessen ist.
Mensch erster und 2. Klasse.
Sicher muss man seine Klinik und Praxis wirtschaftlich führen, aber die Patienten sollten nicht merken, dass es 2 Klassen gibt. Hätte die Dame einen Ehemann, der privatversichert wäre und wäre dieser ein wichtiger Kunde, wäre der Mut des Praxisinhabers schnell in sich zusammengesunken. Also alles sehr relativ.
Ich bin der Meinung, dass diese mittelalterliche Unterscheidung endlich aufhören muss. Eine gute Versorgung zu vernünftigen Preisen sollte und muss für alle Patienten möglich sein. Zumindest in einer Gesellschaft, die sich modern ansieht. Um mich hier nicht misszuverstehen: Ich möchte den Kollegen nicht dafür verantwortlich machen. Aber die Politik ist absolut nicht gewillt eine gute Gesundheitspolitik für alle zu machen.
Ratford am Dienstag, 27. April 2010, 16:54
.
Lieber Herr Böhmeke,

das Problem liegt nicht in der Frage der Legitimität der Äußerung, sondern der Angemessenheit.
Natürlich ist es einem Arzt (oder auch jedem anderen Befugten) gestattet nach der Art der Versorung zu fragen.

Jedoch ist die "gefühlte" Kluft zwischen Privat- und Kassenpatienten ohnehin schon groß genug (selbst wenn diese nicht zwingend in jedem Falle korrekt ist).

Da kann eine solche Frage für den Patienten schon zu Empörung führen. Man könnte auch einfach auf die Versichertenkarte des Patienten warten - dann ist ja bereits die Art der Versorgung ersichtlich.

Des Weiteren ist fraglich, ob es zweckdienlich ist, wenn Sie dieses Vorgehen gegenüber dem Patienten auch noch rechtfertigen.

Die Versorgungssituation ist sowieso schon angepannt, da wäre ein wenig mehr Feingefühl sicherlich hilfreich, um den Frust auf das Gesundheitssystem (sei dieser nun gerechtfertigt oder nicht) nicht noch weiter anzustacheln.
Ratford am Dienstag, 27. April 2010, 16:53
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Lieber Herr Böhmeke,

das Problem liegt nicht in der Frage der Legitimität der Äußerung, sondern der Angemessenheit.
Natürlich ist es einem Arzt (oder auch jedem anderen Befugten) gestattet nach der Art der Versorung zu fragen.

Jedoch ist die "gefühlte" Kluft zwischen Privat- und Kassenpatienten ohnehin schon groß genug (selbst wenn diese nicht zwingend in jedem Falle korrekt ist).

Da kann eine solche Frage für den Patienten schon zu Empörung führen. Man könnte auch einfach auf die Versichertenkarte des Patienten warten - dann ist ja bereits die Art der Versorgung ersichtlich.

Des Weiteren ist fraglich, ob es zweckdienlich ist, wenn Sie dieses Vorgehen gegenüber dem Patienten auch noch rechtfertigen.

Die Versorgungssituation ist sowieso schon angepannt, da wäre ein wenig mehr Feingefühl sicherlich hilfreich, um den Frust auf das Gesundheitssystem (sei dieser nun gerechtfertigt oder nicht) nicht noch weiter anzustacheln.
Ratford am Dienstag, 27. April 2010, 16:53
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Lieber Herr Böhmeke,

das Problem liegt nicht in der Frage der Legitimität der Äußerung, sondern der Angemessenheit.
Natürlich ist es einem Arzt (oder auch jedem anderen Befugten) gestattet nach der Art der Versorung zu fragen.

Jedoch ist die "gefühlte" Kluft zwischen Privat- und Kassenpatienten ohnehin schon groß genug (selbst wenn diese nicht zwingend in jedem Falle korrekt ist).

Da kann eine solche Frage für den Patienten schon zu Empörung führen. Man könnte auch einfach auf die Versichertenkarte des Patienten warten - dann ist ja bereits die Art der Versorgung ersichtlich.

Des Weiteren ist fraglich, ob es zweckdienlich ist, wenn Sie dieses Vorgehen gegenüber dem Patienten auch noch rechtfertigen.

Die Versorgungssituation ist sowieso schon angepannt, da wäre ein wenig mehr Feingefühl sicherlich hilfreich, um den Frust auf das Gesundheitssystem (sei dieser nun gerechtfertigt oder nicht) nicht noch weiter anzustacheln.
forum-ab am Montag, 26. April 2010, 19:16
Als freiwillig gesetzlich Versicherter
haben Sie zunächst mal eine kostenlose Familienmitversicherung.
Der Missbrauch der privaten Versicherungsprämien am Kapitalmarkt steht im ungewollten Konkurrenzkampf zur Finanzierung des Wettbewerbes der gesetzlichen Kassen und Finazierung verschiedener anderer politischer Anliegen.
Diese Polarisierung Ihrerseits zeigt nur mangelnden Informationsgrad elementarster gesundheitspolitischer Fakten.
Das Problem der Oberklassenfahrzeuge dürfte in der Ärzteschaft im weitesten keines mehr sein, sondern eher ein Absatzproblem der Autoindustrie.
Vor der Unterstellung des Indikationsbetruges sollten Sie zuerst mal bei den Kliniken argumentieren, deren wirtschaftliches Überleben durch ein falsches Anreizsystem genauso manipuliert wird wie im niedergelassenen Bereich.
Ihre Argumentationskette ist eine Reihung von Fehlinformation, Neid, Falschbeurteilung und Feigheit.
Sollten Sie Kollege sein, rate ich Ihnen dringend nicht das Risiko der Niederlassung einzugehen.
Bei der Form Ihrer Inforamtionsverarbeitung werden sie Probleme kriegen. Im Kollegenkreis der Klinik bewahren Sie vielleicht diese vor zu vielen Denkfehlern und schütze so Ihre Patienten.
kfuzzi am Mittwoch, 21. April 2010, 09:49
Beifahrer
Als freiwillig gesetzlich Versicherter muss ich etwas los werden: Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen Privatversicherungen und Leistungserbringern dieses Landes, dass ich meine Beiträge nicht dem Kapitalmarkt, sondern dem Solidarsystem zur Verfügung stelle.

Welche Subventionen der PKV werden denn zum Wohle des Patienten von den Kollegen reinvestiert??? Schaffen Sie sich lieber das Automobil der Oberklasse von den GOÄ-Erlösen an, anstatt der teueren Geräte. Anschaffungs- und Wartungskosten setzen doch hohen (natürlich immer indizierten) Nutzungsgrad voraus. Sollte sich der niedergelassene Kollege nicht an den wirtschaftlichen, notwendigen Umfang erinnern? Bitte auf derartige Anschaffungen verzichten und ab zu uns in die Klinik. Wir sind da...wir helfen...

Bis neulich

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