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Gratwanderung – 23.10.2009

Neuroenhancement ­– fragwürdiges Menschenbild

Sieben Wissenschaftler vertreten in einem in Berlin veröffentlichten Memorandum die Ansicht, dass es keine überzeugenden grundsätzlichen Einwände gegen eine pharmazeutische Verbesserung des Gehirns oder Psyche gibt. Sie plädieren für einen offenen und liberalen, aber keineswegs unkritischen Umgang mit Neuroenhancement.

Es sei durchaus gerechtfertigt, die eigene geistige Leistungsfähigkeit oder psychische Befindlichkeit zu verbessern. Schließlich genieße man in der Regel auch ein höheres Ansehen, wenn man versuche, durch Denksport, Coaching oder Meditation sein geistiges Potenzial zu erweitern.  Wer die kleinen Stimmungsschwankungen des Alltags beispielsweise durch Kaffee, Schokolade oder maßvollen Alkoholkonsum ausgleiche, handele nicht  ebenfalls nicht unmoralisch.

Doch diese Vergleiche hinken. Man kann schließlich wohl kaum Antidementiva, Betablocker oder Stimmungsaufheller mit Kaffee oder Schokolade vergleichen. Da scheinen die Autoren stark zu bagatellisieren. Die mögliche Suchtgefahr wird ebenfalls heruntergespielt, indem sie beispielsweise mit der Begierde nach dem Objekt einer romantischen Liebe verglichen wird.

Fragwürdig ist auch das Menschenbild, das hinter dem Memorandum steht. Nach Ansicht der Experten sollten Menschen mit allen vorhandenen Mittel dafür kämpfen, möglichst leistungsstark und fit zu sein. Bleiben da die Kranken, behinderte Menschen oder sozial Schwache, die sich die Neuroenhancement-Präparate nicht leisten können, auf der Strecke?

Zwar halten auch die Autoren der Empfehlung eine „durchgängige Ausrichtung des Lebens auf Leistung und Effizienz für inhuman und ausgrenzend“. Aber ihrer Ansicht nach überwiegt letztendlich der Nutzen dieser Präparate, ohne dass sie die gesellschaftlichen Entwicklungen hinterfragen, die dazu führen, dass immer mehr Menschen ohne medikamentöse Hilfe sich dem Leistungsdruck nicht mehr gewachsen fühlen.

Es ist allerdings anzuerkennen, dass in dem Memorandum von der Einnahme der gegenwärtig zur Verfügung stehenden Psychopharmaka abgeraten wird, weil für ihre langfristige Sicherheit keine Belege vorhanden sind. Und angesichts der Tatsache, dass bereits jetzt immer mehr Menschen sogenannte Leistungs- und Kreativitätsverstärker einnehmen, sind wissenschaftliche Studien tatsächlich dringend erforderlich.


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