60/82

Gratwanderung – 13.08.2009

Sterbehilfe in Großbritannien ­– ein Schritt in die falsche Richtung

Die 46-jährige Britin Debbie Purdy, die an multipler Sklerose leidet, will sich mithilfe der Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas das Leben nehmen. Das wäre eigentlich auch jetzt schon möglich für sie. Denn in Großbritannien ist Beihilfe zum Suizid zwar verboten, doch gab es bisher keinen einzigen Prozess für Briten, die einen Angehörigen oder Freund in die Schweiz begleitet haben. Doch Purdy wollte Rechtsicherheit für ihren Ehemann. Und das ist durchaus nachvollziehbar.

Doch zu begrüßen ist das Urteil nicht. Schließlich könnte es durchaus einer Gesetzesänderung Vorschub leisten, wonach künftig im Königreich die bisherige Praxis legitimiert wird und Straffreiheit (möglicherweise auch für ärztlich assistierten Suizid) beschlossen wird. So haben sogar einige Lordrichter festgestellt, dass sie die bisherige Regelung für veraltet und reformbedürftig halten. 

In Deutschland ist Beihilfe zum Suizid auch jetzt schon zulässig, während die Bundesärztekammer zu Recht ärztliche Beihilfe zum Suizid ablehnt. Nach Ansicht ihres Präsidenten, Jörg-Dietrich Hoppe, ist jeder Suizidversuch und jeder Wunsch nach einem Suizid „ein Hilfeschrei“.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Da spielt es auch keine Rolle, ob ein ärztlich assistierter Suizid nach geltendem Recht möglicherweise straffrei ist, wovon beispielsweise der Mannheimer Medizinrechtler Jochen Taupitz ausgeht. Wenn Ärzte Beihilfe zum Suizid leisten ist dies mit ihrem Berufsethos jedenfalls nicht vereinbar und von aktiver Sterbehilfe ist dies dann auch nicht mehr weit entfernt.


Leserkommentare

adonis am Mittwoch, 19. August 2009, 13:28
@advokatus diaboli
Nun wohne ich seit 5 Jahren nicht mehr in Deutschland bin aber weiter hin sehr auch an der politischen Entwicklung meines Heimatlandes interessiert. Leider ist mir aber wohl entgangen, dass es nun ein verfassungsrechtliches Recht auf Suizid gibt.
advokatus diaboli am Mittwoch, 19. August 2009, 07:03
@adonis
Ihr Kommentar, verehrter Adonis, lässt darauf schließen, dass hier die Bedeutung der Grundrechte sowohl der Ärzteschaft als auch der Patienten nachhaltig verkannt wird. Es geht nicht darum, irgendwelche "Organisationen" durch Jungjuristen zu gründen, sondern um eine konsequente Beachtung der Grundrechte. Hierbei dürfte denn auch hinreichend klar sein, dass es nicht die Aufgabe der Ärztekammern ist, über ein vermeintlich verpflichtendes Berufsethos "unechte Grundrechtsschranken" zu generieren. Auch Körperschaften des öffentlichen Rechts resp. die BÄK als private Arbeitsgemeinschaft haben die Grundrechte sowohl ihrer verfassten Mitglieder als auch der Patienten zu achten.
Dies zu akzeptieren, kann doch eigentlich nicht so schwer sein, zumal das ärztliche Selbstverständnis und das gerne in der Öffentlichkeit skizzierte Bild vom guten und fürsorgenden Arzt insofern "Schaden" zu nehmen droht, wenn und insoweit die Ärzteschaft - allen voran freilich die Funktionäre - einem mehr als bedenklich erscheinenden ethischen Paternalismus das Wort redet. Von daher ist das Bekenntnis zur "Patientenautonomie" vielfach nur ein Lippenbekenntnis, ohne die damit verbundenen Konsequenzen akzeptieren zu wollen. Von daher begrenzt das Recht durchaus die Bestrebungen von einzelnen Ärztefunktionären und Berufsethikern, über den Weg der Moral und Ethik eine "gute Kultur des Sterbens" auf den Weg zu bringen, die nun allerdings nicht von jedem Einzelnen akzeptiert wird. Eine Kolonialisierung patientenautonomer Entscheidungsalternativen zugunsten eines "Arztethos" bleibt und ist verfassungswidrig!
adonis am Samstag, 15. August 2009, 12:32
@advokatus diaboli
Sie überschätzen die Möglichkeiten der Ärzte bei Tötungen. Das geht ganz einfach, da brauchen sie nur mal in ein deutsches Gefängnis gehen, da haben sie die entsprechenden Fachleute.
Warum eröffnen die Juristen nicht eine Organisation, die das macht. Soweit ich gehört habe ist ja die Arbeitslosigkeit bei Jungjuristen sehr hoch. Und warum will man sich nicht dann gleich zum Herrn über Leben und Tod machen. Im Falle eines Falles kann man sich gleich selbst verteidigen.
advokatus diaboli am Freitag, 14. August 2009, 05:50
Berufethos ist nicht verpflichtend!
Ungeachtet der Auffassung des Präsidiums der BÄK ist die ärztliche Assistenz beim Suizid in bestimmten Grenzfällen durchaus eine Option, die den Ansprüchen höchster Humanität genügt. Hierbei ist nicht von zentraler Bedeutung, ob die ärztliche Assistenz beim Suizid dem Arztethos entspricht oder nicht; entscheidend ist, dass das Recht nicht weithin das zu übernehmen gedenkt, was eine konservative Arztethik als „moralisches Recht“ für die einzelnen Berufsangehörigen für verbindlich erachten will. Im Übrigen spricht einiges dafür, unabhängig von der strafrechtlich relevanten Frage der sog. Tatherrschaft das Thema insgesamt zu enttabuisieren, da in der Tat die Grenzen zu einer aktiven Sterbehilfe fließend werden, wie u.a. an der finalen Sedierung besonders deutlich wird. Im Oktober werden sich namhafte Referenten aus Lehre, Forschung und Praxis sich des Themas annehmen, um so einen nachhaltigen Beitrag zur Diskussion leisten zu können. Vgl. dazu http://www.nursing-health-events.de/ .

Freilich bleibt es der BÄK unbenommen, sich in dieser Frage zu positionieren. Aber vermessen dürfte der damit eingehende Anspruch sein, nicht nur für einen gesamten Berufsstand eine ethische Grundsatzentscheidung zu treffen, sondern zugleich auch erhebliche Hürden aufzurichten, die es dem sterbenskranken verunmöglichen, würdevoll zu sterben und eine diesbezüglich Entscheidung auch für einen „schnellen Tod“ zu treffen. Eine derartige (moralische Rechtssetzungs-)Kompetenz kommt weder der BÄK noch den LÄK zu, wie im Übrigen sich an der Berliner Berufsregelung (§ 16 – Sterbebegleitung) deutlich ablesen lässt. Auch hier sind die Grenzen der Patientenautonomie nicht gewahrt und der Versuch, Eingriffe in das Selbstbestimmungsrecht der Patienten mit Hinweis auf das ärztliche Selbstbildnis zu kaschieren, dürfte im Hinblick auf die Verfügung der Berliner Staatsanwalt „enttarnt“ worden sein.

Es scheint an der Zeit zu sein, dass die Ärzteschaft sich auf das konzentriert, was unmittelbar in ihrem Interesse liegt, ohne sich gleich dazu berufen zu fühlen, einen moralischen und ethischen Grunderziehungsauftrag gegenüber den Patienten und den Bürgerinnen und Bürgern wahrzunehmen, der ihr nicht zukommt! Es ist daher völlig zureichend, wenn der Arztberuf von Ideologien freigehalten wird und nicht dazu dient, ein überhöhtes Selbstbildnis in der Öffentlichkeit zu skizzieren, mit dem nicht selten ein Missionierungsauftrag besonderer Art und Güte verbunden zu sein scheint, der gelegentlich die Züge einer ethischen Inquisition anzunehmen droht.

Bookmark-Service:
60/82
Gratwanderung
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gesundheit
Lesefrüchtchen
Sea Watch 2
Pflegers Schach med.
PJane
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs
Vom Arztdasein in Amerika