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Lesefrüchtchen – 07.07.2009

Bundeswehr: "Das ist die Schieflage"

Am 6. Juli zeichnete unsere Kanzlerin vier Soldaten wegen herausragender Tapferkeit aus. Die vier hatten 2008 bei einem Kampfeinsatz nahe Kundus in Afghanistan zwei Kameraden und ein kleines Mädchen medizinisch versorgt. Ihnen wurde nun als Ersten das neue "Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit" zuteil.

Das sieht zwar aus wie das Eiserne Kreuz – das Hoheitszeichen in der Kreuzesmitte wurde natürlich ausgetauscht – und das Eichenlaub auf dem Band erinnert an das Ritterkreuz seeligen und unseeligen Angedenkens, doch der neue Bundeswehrorden darf nicht so heißen, zum Leidwesen des Reservistenverbandes.

Die Bundeswehr führt ja keine Kriege, in Afghanistan zum Beispiel nimmt sie eine Friedensmission wahr. So die uns stets vermittelte Lesart. Lange Zeit wurde uns Bürgern sogar weisgemacht, die Bundeswehr leiste vorwiegend zivile Aufbau- und Vertrauensarbeit: Brunnen bohren, medizinische Versorgung verbessern, Gebetsteppiche verteilen.

Doch ausgerechnet anläßlich jenes nun ordensgeschmückten Einsatzes vom 20. Oktober 2008 kommentierte der Bundeswehrverband, die Situation - bei der immerhin auch zwei Soldaten starben, ganz schweigen von ungenannten zivilen Opfern – hätte durch mehr ziviles Engagement verhindert werden können.

Die Regierungskoalition gebe zwar vor, so Ulrich Krisch vom Verband, "dass unsere Aufgabe in Afghanistan zu 80 Prozent durch zivilen Aufbau gelöst werden muss. Nur: 80 Prozent der deutschen Gelder fließen in den Militäreinsatz. Das ist die Schieflage." Der neue Tapferkeitsorden ist nurmehr eine weiteres Zeichen dafür, dass die Bundeswehr im normalen Kriegsgeschäft angekommen ist.

Ein paar Tage vor der Verleihung jenes Tapferkeitsordens, am 1. Juli, wollte der Bundestagsausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe von der Bundesregierung wissen, wie hoch denn die Zahl der zivilen Opfer des Afghanistan-Krieges (der nicht so heißt, es wäre reizvoll, all´die Umschreibungen demnächst mal aufzulisten) sei.

Die Regierung konnte die Frage nicht beantworten. Die ISAF, das internationale Einsatzkommando in Afghanistan, unterhalte zwar ein "Civil Casualty Tracking Centre" in Kabul, führe aber keine Statistik. Die UNO gibt die Zahl der zivilen Opfer für 2008 mit 2.118 an, eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 40 Prozent.

Die soldatische Opfer zählen und werden gezählt. Zivile nicht. Auch das ist eine Schieflage. Aber typisch in Kriegen.


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