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Gratwanderung – 19.05.2009

Ärztlich assistierter Suizid: Mit dem Berufsethos des Arztes nicht vereinbar

Für den einen oder anderen mag es vielleicht überraschend gewesen sein, dass der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, sich bei seiner Rede auf der Eröffnung des 112. Deutschen Ärztetages dezidiert gegen Überlegungen ausgesprochen hat, „die ärztliche Hilfe zum Sterben salonfähig zu machen“.

Er hat sich damit sicherlich, ohne ihn namentlich zu nennen, auf Äußerungen des Mannheimer Medizinrechtlers, Jochen Taupitz, bezogen, der dafür plädiert, dass Ärztinnen und Ärzte künftig als Suizidhelfer tätig sein dürfen.

Taupitz plädierte im Streitgespräch mit dem Vizepräsidenten der Bundesärztekammer, Dr. med. Frank Ulrich Montgomery (Deutsches Ärzteblatt Heft 15/2009), dafür, dass Ärzte dazu aufgerufen seien, „Menschen in einer schwierigen Situation beizustehen – auch, wenn sie aus dem Leben scheiden wollen. Zudem ist es der einzige Berufsstand, der ihnen – bezogen auf die notwendigen Medikamente – fachkundig beistehen kann und die Eigenverantwortlichkeit des Handelns fachgerecht überprüfen kann“.

Der Medizinrechtler hält ärztliche Beihilfe zum Suizid für zulässig. Weder der Eid des Hippokrates noch das Genfer Gelöbnis hätten rechtlich eine Bedeutung. „Viele Suizidversuche sind reine Hilferufe. Da muss der Arzt natürlich einschreiten. Auch depressive Patienten darf man bei Selbstmordgedanken nicht gewähren lassen. Aber wenn sich herausstellt, dass der Suizident frei verantwortlich das Für und Wider seines Lebens abgewogen hat, dann müssen wir diese Entscheidung respektieren.“

Hoppe ist da ganz anderer Ansicht. Seiner Ansicht nach ist jeder Suizidversuch und jeder Wunsch nach einem Suizid „immer auch ein Hilfeschrei“. Da spiele es keine Rolle, ob die Möglichkeit eines assistierten Suizids nach geltendem Recht straffrei bleibt. Dem ist nichts hinzuzufügen. Ärzte sollen keine Sterbegehilfen sein, und wenn sie Beihilfe zum Suizid leisten, ist dies nicht mehr weit von aktiver Sterbehilfe entfernt und mit dem Berufsethos des Arztes nicht vereinbar.

DÄ-Forum zum Thema


Leserkommentare

advokatus diaboli am Freitag, 19. Juni 2009, 09:04
@adonis
Nun - Holland ist ohne Frage immer schon eine Reise wert gewesen. Unsere europäischen Nachbarn allerdings haben ein fortschrittliches Verständnis von einem modernen Grundrechtsschutz entwickelt, so dass ich es doch lieber vorziehe, als deutscher Staatsbürger hierzulande für einen ebenso konsequenten Grundrechtsschutz einzutreten.

Und da scheint mir noch Einiges im Argen zu liegen; insbesondere gilt es, eine drohende Klerikalisierung medizinethisch brisanter Fragen zu vermeiden und hierüber Aufklärung zu leisten. Zugleich ist es notwendig, die standesethischen Bemühungen der Funktionäre ein wenig zu "bändigen", damit auch die Ärzteschaft tatsächlich frei nach ihrer Gewissensentscheidung zu handeln in der Lage ist.

Mfg.
adonis am Montag, 15. Juni 2009, 16:25
Da bleibt nur eines übirg
Du musst nach Holland ziehen advokatus
advokatus diaboli am Mittwoch, 20. Mai 2009, 08:38
Mit Verlaub - so geht das nicht!
Die Position der BÄK, das möchte ich hier nochmals eindrücklich betonen, ist nur eine – wenn auch offensichtlich nicht von allen Ärztinnen und Ärzten getragene – Meinung im Wertediskurs, die durchaus gehört wird, aber letztlich nicht dazu führt, dass gleichsam das Recht weithin das übernimmt, was uns mit Hinweis auf die Arztethik durch die BÄK als moralisch zu verinnerlichen aufgegeben wird!

Der „Wille“ der BÄK ist nicht unser, geschweige denn der Wille derjenigen Ärzte, die sich in bestimmten Situationen vorstellen können, bei einem Suizid ärztlich zu assistieren! Es stimmt mehr als nachdenklich, wenn der Präsident mehr oder minder offen in seiner Rede darauf hinweist, dass es für die ärztliche Position nicht von Belang sei, ob die Möglichkeit eines assistierten Suizids nach geltendem Recht straffrei bleibt.

Mit solchen Aussagen wird endgültig offenbar, dass sich die BÄK ohne erkennbare Gewissensnot schlicht über das Verfassungsrecht hinwegsetzt und nicht bereit ist, die Autonomie und das Selbstbestimmungsrecht als auch das Recht zur freien Gewissensentscheidung ihrer verfassten Mitglieder anzuerkennen. Die ethische Grund- und Werthaltung der Ärzteschaft ist nicht gesellschaftliches Allgemeingut und mit Verlaub – sie darf es auch nicht werden! Selbstverständlich kann in der ärztlichen Assistenz zum Suizid eine ärztliche Aufgabe gesehen werden und dieser Akt höchster Humanität schließt eben nicht den weiteren Ausbau der Palliativmedizin aus.

Die ethische Grundhaltung des Präsidenten der BÄK in dieser Frage widerspricht „zutiefst Geist und Inhalt unserer Verfassung“, in dem er glaubt, über die verfasste Ärzteschaft hinaus auch gleich noch ein ganzes Staatsvolk auf den „Geist“ eines Hippokrates verpflichten zu können. Dieser moralische und ethische Kreuzzug der BÄK „zerstört vielmehr das Arztbild“: die erkennbar ohne Not selbst auferlegte „Mission“ trägt nicht zur Überwindung eines fragwürdigen Paternalismus, geschweige eines solchen ethischer Natur bei!

Hier ist eine rechtliche Orientierung mehr denn je geboten und da wäre es schon hilfreich, wenn der Präsident der BÄK sich nicht in der Gänze einer interprofessionell gebotenen Fachdiskussion verschließt, in der es nicht gilt, gebetsmühlenartig die ohnehin bekannten ethischen Argumente auszutauschen, denn allzu viel von einer partikularen Standesethik verträgt gerade das Verfassungsrecht nicht!

Lutz Barth

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