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Psychotherapie in der DDR: Versunkene Welt

PP 8, Ausgabe März 2009, Seite 115
THEMEN DER ZEIT
Sonnenmoser, Marion
Die Machthaber der DDR beobachteten die Psychotherapie misstrauisch, seitens der Psychotherapeuten wurde sie dennoch als eine Art Freiraum gesehen – ein historischer Abriss.

Die Psychotherapie war ein Stiefkind der DDR. Von den Bürgern misstrauisch beäugt und von den Machthabern diffamiert, teilweise sogar verboten, schaffte sie es dennoch, sich in vielfältigen Formen zu etablieren.

Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Psychotherapie keinen eigenständigen Status, sondern war der Psychiatrie beigeordnet. Zwischen 1945 und 1949 bestand für Nichtärzte demzufolge kaum eine Möglichkeit, beim Aufbau der psychotherapeutischen Versorgung mitzuwirken. Das änderte sich erst 1949 mit der Gründung einer psychotherapeutischen Abteilung in der ambulanten Poliklinik „Haus der Gesundheit“ (HdG) in Berlin-Mitte. Das HdG war die erste und später eine der einflussreichsten psychotherapeutischen Institutionen der DDR, was auch daran lag, dass hier die „Intendierte dynamische Gruppenpsychotherapie“ (IDG) unter Leitung von Dr. Kurt Höck entwickelt wurde. Die IDG war in der DDR weitverbreitet und kann als ihre wichtigste Psychotherapiemethode bezeichnet werden.

Bis 1956 wurde am HdG fast nur im Einzelsetting behandelt. Entsprechend dem sowjetischen Vorbild wurden vor allem autogenes Training und Hypnose eingesetzt. 1964 erfolgte der Anschluss einer Neurosenklinik in Berlin-Hirschgarten. Von da an nahm die Zahl der Gruppenpsychotherapien zu. Ab 1973 wurde dann im HdG ausschließlich gruppenpsychotherapeutisch behandelt. Die Therapeuten waren Analytiker, Klinische Psychologen und Ärzte. Allen Therapien vorangestellt war ein diagnostischer Prozess. Die überwiegende Zahl der Patienten wurde nach einer ausführlichen Testdiagnostik, einer ärztlichen Voruntersuchung und einer Erstexploration symptomzentriert behandelt, zumeist durch autogenes Training in Gruppen, später vor allem durch IDG.

Nicht nur am HdG in Berlin, sondern auch in verschiedenen Universitätskliniken und Bezirkskrankenhäusern wurden von den 50er-Jahren an psychotherapeutische Abteilungen eröffnet, die eng an die Medizin, vor allem an die Psychiatrie, angebunden waren. Die Psychotherapie war daher in der DDR nicht zentralistisch, sondern multizentrisch organisiert. Psychotherapie wurde in der Regel stationär durchgeführt, was von den Patienten mitunter als Abschottung, Kontrolle und einengende Fürsorge empfunden wurde. Die meisten Ärzte und Psychologen, die Psychotherapie durchführten, waren an Kliniken angestellt. Viele waren so stark in den Klinikalltag eingebunden, dass die eigene, psychotherapeutische Weiterbildung oft zu kurz kam.

Die Weiterbildung zum Psychotherapeuten beruhte anfangs vor allem auf Selbsterfahrung, die hauptsächlich in Gruppensitzungen in abgelegenen Ferienheimen oder in Privathäusern gesammelt wurde. Die IDG-Ausbildung erfolgte von 1974 an unter anderem in „Kommunitäten“, die aus mehreren Kleingruppen zu je acht bis zwölf Teilnehmern und einem Trainerpaar bestanden. Zusätzlich wurden auch kommunikative Bewegungstherapie, Selbsterfahrung, kreative Therapien sowie eine tägliche Großgruppensitzung durchgeführt. In den folgenden Jahren boten auch immer mehr Institutionen verschiedene Weiterbildungen an, vor allem Universitäten und Kliniken. Als eine der wichtigsten Ausbildungseinrichtungen galt das HdG. Hier wurden Kurse in Entspannungsverfahren, katathymem Bilderleben und Balint-Gruppen angeboten.

Von den 60er-Jahren an gab es verstärkte Bemühungen, die Aus- und Weiterbildung professionell zu etablieren. So erfolgte beispielsweise eine Spezialisierung des Universitätsstudiums der Fachrichtung Psychologie, in dem Diplom-Psychologen verschiedener Fachrichtungen praxisnah ausgebildet wurden. In den 70er-Jahren wurde außerdem die staatlich anerkannte, postgraduale Weiterbildung vorangetrieben. 1973 begann dann die Realisierung des „Abgestuften Systems Diagnostik und Therapie neurotischer und funktioneller Störungen“, das Psychotherapie unter anderem als eigenständige therapeutische Spezialdisziplin bei der Behandlung von Neurosen und Persönlichkeitsstörungen vorsah. 1978 wurde der „Facharzt für Psychotherapie“ als Zweitfacharzt und 1989 als Erstfacharzt eingeführt. 1985 erfolgte außerdem die Einführung der Weiterbildung „Qualifikation in Psychotherapie für Fachärzte klinischer Disziplinen“ (Zusatzbereich Psychotherapie). Die Weiterbildung wurde im Wesentlichen in Kliniken durchgeführt, sie war kaum auf bestimmte therapeutische Schulen bezogen. Für die Belange der Psychotherapeuten engagierten sich vor allem die Gesellschaft für Ärztliche Psychotherapie, die Gesellschaft für Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie sowie die Sektion Klinische Psychologie in der Gesellschaft für Psychologie der DDR.

Später öffnete man sich auch für „westliche“ Einflüsse
Dominierten in den 50er-Jahren noch Entspannungs- und suggestive Verfahren, etablierten sich von den späten 60er-Jahren an auch Gesprächspsychotherapie, tiefenpsychologisch fundierte Methoden und Verhaltenstherapie und von den 70er-Jahren an IDG. In den 70er- und 80er- Jahren erfolgte eine Lockerung der bisher strengen, ideologischen Orientierung an sowjetischen psychologischen Methoden. Man öffnete sich auch für „westliche“ Einflüsse, wobei es sowohl für die Ausbilder als auch für die Teilnehmer stets schwierig war, sich entsprechende Fachbücher zu beschaffen. Im Laufe der Jahre gelang es, praktisch alle international anerkannten psychotherapeutischen Methoden auszuüben, allerdings zeitweise nicht unter ihrem Namen; statt „psychosomatisch“ hieß es „kortikoviszeral“ oder „cerebroviszeral“. Von 1976 bis 1984 erfolgte eine weitere Öffnung, die sich unter anderem in der Anerkennung des Facharztes für Psychotherapie und des Fachpsychologen der Medizin, in der Wiedereinführung der Einzeltherapie, Gründung von Regionalgesellschaften und Bildung interdisziplinärer Arbeitsgruppen niederschlug. Neben den genannten Methoden wurden unter anderem auch katathymes Bilderleben, Schlaf- und Alkoholtherapie, Bewegungs- und Musiktherapie, Individualtherapie, kommunikative Psychotherapie, Milieutherapie und Ratio Psychotherapie angewendet. Letztere waren Umsetzungen des „Konzepts kortikoviszeraler Pathologie und Therapie“, das vor allem von Prof. Dr. Dietfried Müller-Hegemann, Abteilungsleiter im DDR-Ge­sund­heits­mi­nis­terium, Hochschullehrer und Psychoanalyse-Gegner, vertreten wurde. Das psychotherapeutische Methodenspektrum der DDR war also breit. Bis zum Schluss verboten blieb einzig die klassische Psychoanalyse.

Mit dem Erstarken der Psychotherapie änderte sich auch die Stellung der Psychologen und Psychotherapeuten. Während Psychotherapie in den 50er-Jahren von Ärzten und Psychologen unter ärztlicher Leitung durchgeführt wurde, lag sie in den 70er- und 80er-Jahren überwiegend in den Händen von Psychologen, die in allen präventiven, kurativen und rehabilitativen Bereichen des Gesundheits- und Sozialwesens tätig waren. In diesem Sektor arbeiteten zuletzt etwa 2 000 klinische Psychologen. Es gab 811 Fachpsychologen der Medizin und weitere 496 in Ausbildung befindliche Kandidaten. Reformbestrebungen ab den 70er-Jahren führten außerdem zu einer langsam zunehmenden Aufgeschlossenheit für soziodynamische, psychodynamische und psychotherapeutische Aspekte in der Psychiatrie. Dies hatte eine Etablierung von psychotherapeutischen Kliniken auch außerhalb des psychiatrischen Bereichs zur Folge, in denen Psychologen mit Ärzten gleichgestellt und teilweise auch leitend tätig waren.

Die wenigen ostdeutschen Psychotherapeuten, die sich seit dem Ende der DDR in Publikationen mit ihren damaligen Arbeitsbedingungen auseinandersetzen und über ihre Zeit in der DDR berichten, bezeichnen sich durchweg als politisch „neutral“, „kritisch distanziert“ oder als „Gegner“ des DDR-Regimes. An Berichten von Sympathisanten und Mitläufern mangelt es hingegen. Daher kann auch nicht objektiv entschieden werden, ob folgende Informationen den Tatsachen entsprechen: Viele publizierende Psychotherapeuten stellen ihre Position und Rolle in der DDR nachträglich so dar, als hätten sie selbst unter Zwang, Druck und Gefahr ihre „innere Freiheit und Unabhängigkeit“ bewahrt. Einige sind überzeugt, dass sie mit ihrer Haltung sogar den Anstoß für die friedliche Revolution gegeben hätten.

Das Ausmaß der Bespitzelung ist bis heute nicht bekannt
Die Psychotherapeuten hielten sich für eine solidarische Gemeinschaft, die „sauber“ war, das heißt, in der es keine informellen Mitarbeiter beziehungsweise Stasispitzel gab. Als dann aber die Stasiakten zugänglich wurden, zeigte es sich, dass das Ministerium für Staatssicherheit mehrere führende Psychotherapeuten „operativ bearbeitet“ hatte, also beobachten und aushorchen hatte lassen. Einige Fachvertreter – allen voran ein Psychotherapeut mit dem Decknamen „Fred Wolke“ – agierten als informelle Mitarbeiter. Sie bespitzelten nicht nur Kollegen, sondern auch Patienten und verletzten ihre berufliche Schweigepflicht. Über die Zahl der informellen Mitarbeiter unter den Psychotherapeuten und über das Ausmaß der Bespitzelungen ist noch immer nicht viel bekannt, da die Betroffenen schweigen, leugnen oder warten, bis „Gras über die Sache gewachsen ist“. Das führte nicht nur zu Verunsicherung unter den ostdeutschen Psychotherapeuten, sondern auch zu menschlichen Enttäuschungen, die teilweise bis heute nicht überwunden sind.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser
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