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Hyperurikämie und Hyperlipidämie: Nach dem Sündigen die Absolution einwerfen

Dtsch Arztebl 2015; 112(26): A-1176 / B-980 / C-954
THEMEN DER ZEIT: Glosse
Pommer, Peter
Dr. med. Peter Pommer, Chefarzt der Abteilung für Pneumologie, Gesundheitszentrum Oberammergau

Ein befreundeter Kollege teilt gerne Visitenkarten aus mit dem Aufdruck Dr. XY, Arzt für leicht erkennbare Krankheiten. Eine sehr sympathische Bescheidenheit und Selbstironie, die aber auch einen kleinen Seitenhieb auf manche Kollegen enthält, das ist zumindest meine Assoziation.

Tagtäglich ist man konfrontiert mit komplexen, zum Beispiel rheumatologischen, onkologischen oder nephrologischen Diagnosen, für deren Verständnis man immer wieder, je nach Generation, Pschyrembel oder Wikipedia braucht, und die man sich nicht öffentlich auszusprechen traut; auch mit Patienten, die wegen Rückenschmerzen ultimativ einen „Kernspinnt“ verlangen und die viel besseren Originalpräparate, Überweisungen zu drei Fachärzten und zehn Massagen, aber bitte mit Fango, denn sonst ginge man eben zur Konkurrenz.

Wie schön ist es da, wenn man beim – vom Patienten oft gewünschten – Routinecheck zum Beispiel eine Hyperurikämie findet. Ein Erfolg, den man dem Patienten wie ein Trophäe präsentieren kann, die man selbst erlegt hat und dann in seine virtuelle ärztliche Ruhmestatenhalle stellen kann oder gedanklich zu den Sportpokalen in der Vitrine. Sodann kann man den Patienten über die erfreuliche relative Harmlosigkeit aufklären, aber auch als Arzt mutig und energisch eingreifen: Ein Medikament zur Senkung der Harnsäure verschreiben, mit oder ohne Anmerkungen zur Diät, sofern man nicht den Versuch aufgegeben hat, Patienten zu egal welchem Verzicht zu bewegen. Manche Kollegen probieren es hier auch mit kompromissschwangeren Empfehlungen: keinen Spargel, keine Hülsenfrüchte, keine Keimgemüse. Prima, der Patient mag ohnehin lieber Braten, Wurst und Bier.

Ein weiterer Lichtblick im husten- und schnupfendurchwaberten und myogelosenharten Alltag des Hausarztes ist die Hyperlipidämie, die übrigens gerne auch, wie die Hyperurikämie, in Entlassbriefen renommierter Kliniken und Fachärzte auftaucht, woran man erkennen kann, dass auch die Großen in der Medizin zu den Trophäensammlern gehören.

So eine Hyperlipidämie wird hierzulande mit ähnlich hoher Trefferwahrscheinlichkeit gefunden wie eine Hyperurikämie, ist also demokratisch gesehen sogar mehrheitsfähig, eher ein Normalbefund als eine Diagnose. Mit der Diätberatung ist man in diesem Fall als ehrlicher Arzt noch zurückhaltender, denn ganz im Ernst, auf tierische Fette möchte man selbst nicht verzichten, und wenn man dies vom Patienten ohne Augenzwinkern fordert, sucht sich der womöglich einen weniger weltfremden Arzt.

Liest man nun zufällig den Beipackzettel des neuen teuren Harnsäuresenkers, was wir Ärzte eher selten tun, dafür gibt es ja Pharmareferenten, erfährt man, außer einer epischen Auflistung von Neben-, Wechselwirkungen und Gefahren, die man ebenso schwer liest wie den Zauberberg, dass diese Innovation nur für die Gichtarthropathie zugelassen ist. Das kommuniziert der Pharmaaußendienst nur auf der Folterbank oder mit vorgehaltener Pistole. Und auch im Allopurinol-Beipackzettel findet man außer Nebenwirkungen im Ulyssesformat, dass es nur bei Harnsäurespiegeln über 8,5 mg/dl anzuwenden ist, WENN diätetische Maßnahmen zur Verhinderung der Gicht nicht ausreichend sind – es wird aber meist zu Verhinderung der Gicht eingenommen, um weiter ohne Reue deftig essen und trinken zu können. Genau diesem Zweck folgt leider oft auch die Verordnung von Medikamenten gegen die Hyperlipidämie: Nach dem Sündigen die Absolution einwerfen.

Im wirklichen Leben bleibt die Reue meist trotzdem nicht aus: Es droht Leid und vorzeitiger Tod durch kardiovaskuläre Krankheiten, dies ausnahmsweise evidenzbasiert, davor hätte die verhinderte Gicht warnen können. Wenn diese kardiovaskulären Komplikationen dann da sind, werden die Lipide aggressiv gesenkt, auch in Kombination mit einem teuren Mittel, dessen Wirkung über Laborkosmetik hinaus bis heute nicht bewiesen ist und somit auf eine Stufe mit Gesundbeten gestellt werden darf, nur sehr viel teurer ist.

Diese unerfreuliche Tatsache wird dadurch wettgemacht, dass der hohe Preis dem Hersteller erlaubt, ärztliche Meinungs- und Herdenführer, denen wir wie Schafe dem Hirten folgen, in vielfältiger Weise zu unterstützen.

Privatpatienten wird die teure Tablette auch gerne schon VOR dem kardiovaskulären Ereignis gegeben. Irgendwann bekommen Privatpatienten sicher auch das ewige Leben schon vor dem Tod, und selbst diesen vorzeitig, aber nur, wenn weiterhin viele Ärzte zahllose Medikamente ohne evidenzbasierte Indikation verordnet, und Rauchern teure Inhalatoren – aber das ist eine andere Geschichte, und noch nicht die letzte.

LNSLNS