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DDR-Ärzte: Fluchtwillige im Visier des MfS

Dtsch Arztebl 2014; 111(44): A-1894 / B-1620 / C-1552
THEMEN DER ZEIT
Wahl, Markus

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) spezialisierte sich im Laufe der 1970er Jahre zunehmend auf die Abwehr und Aufklärung der „Ausschleusungen“ aus den Kreisen der „medizinischen Intelligenz“.

Pkw-Abfertigung durch DDR-Grenztruppen am Kontrollpunkt Dreilinden im Jahr 1972. Vor 25 Jahren fiel die Mauer. Foto: picture alliance
Pkw-Abfertigung durch DDR-Grenztruppen am Kontrollpunkt Dreilinden im Jahr 1972. Vor 25 Jahren fiel die Mauer. Foto: picture alliance

Anfang 1980 stand das DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) kurz davor, einen Coup zu landen. Nach mehrjähriger geheimdienstlicher Bearbeitung einer Ärztin verdichteten sich nun „operative Hinweise auf die Vorbereitung eines ungesetzlichen Grenzübertrittes“. Die Ärztin, im Folgenden der Einfachheit halber Dr. Müller genannt, hatte nach den Ermittlungen des MfS „mit Unterstützung einer BRD-Bezugsperson, die in Verbindung mit dem Bundesministerium für innerdeutsche Beziehung stehen soll“, diesen Schritt geplant. Darauf deuteten die Ermittlungen hin – so sei etwa „eine Kontaktaufnahme mit einem West-Pkw Typ Mercedes, in den frühen Morgenstunden von zweieinhalb Minuten festgestellt“ worden.

Viele Ärzte nahmen Dienste von Fluchthelfern in Anspruch

Nach dem Mauerbau im Jahre 1961 konnte zwar der massive „Aderlass“ von Fachkräften aus der DDR gestoppt und die interne politische und wirtschaftliche Lage stabilisiert werden, jedoch etablierten sich gleichzeitig neue Formen des „illegalen Verlassens der Republik“. Insbesondere der „Sicherungsbereich Medizin“ stellte spätestens in den 1970er Jahren einen „operativen Schwerpunkt“, für die im Jargon des MfS „Menschenhändlerbanden“ genannten Fluchthelfer dar. Viele Ärzte nahmen deren Hilfe in Anspruch. 58 Ärzte verließen beispielsweise im Jahr 1978 „illegal“ die DDR. Vier davon überwanden die innerdeutsche Grenze selbst, zehn nutzten Westreisen, bei drei Ärzten war die Methode dem MfS nicht bekannt. 41 bedienten sich der Hilfe von Fluchthelferorganisationen, was einem prozentualen Anteil von 70 Prozent der flüchtenden Ärzte entsprach.

Dass relativ viele Ärzte die Hilfe von Fluchthelferorganisationen nutzten, lag auch daran, dass sie in der Lage waren, die Kosten von bis zu 15 000 DM zu tragen. Dies wurde vor allem durch westliche Verwandte ermöglicht, manchmal offenbar auch durch medizinische Institutionen, die den Ausreisewilligen neben Vorauszahlungen des Schleusungsbetrages auch eine Arbeitsstelle anboten. Die Fluchthelferorganisationen suchten auch gezielt nach potenziellen Kandidaten, indem sie deren westliche Verwandte und „Rückverbindungen“ der geflüchteten Ärzte zur Kontaktaufnahme zu anderen Fluchtwilligen nutzten.

Spezielle Maßnahmen gegen die „medizinische Intelligenz“

Das MfS spezialisierte sich im Laufe der 1970er Jahre zunehmend auf die „Abwehr und Aufklärung“ der „Ausschleusungen“ aus den Kreisen der „medizinischen Intelligenz“. Denn es herrschte Ärztemangel in der DDR, und die meisten Flüchtigen waren zwischen 31 und 35 Jahren alt und verließen somit zumeist direkt nach der Beendigung ihrer Facharztweiterbildung die DDR. Der von der SED berechnete „materielle“ Schaden belief sich auf eine Million Mark pro Arzt.

„Gegen 15.00 Uhr desselben Tages verließ die Dr. Müller im Pkw ihres Bruders in Richtung Autobahn die Hauptstadt der DDR“, ergab die Observierung der Ärztin. Bei der Aufdeckung der beabsichtigten Flucht war es für das MfS wichtig, das Umfeld des Betreffenden möglichst umfangreich „aufzuklären“ und die bestehenden „Westverbindungen aufzudecken“. Außerdem interessierte es sich insbesondere für die Methode, wie in dem vorliegenden Fall. Mitarbeiter des MfS verfolgten Dr. Müller und ihren Bruder auf ihrer Route zur Transitstrecke F 5. „Er verließ um 19.00 Uhr die F 5 in Ortslage, indem er in eine Seitenstraße einbog. Die Tätigkeit der Genossen der Beobachtung wurde durch Schneetreiben und Glätte auf der Straße stark behindert.“ Eine Viertelstunde später sei „der Pkw ‚Lada‘“ nur noch „mit einer Person besetzt in Richtung Hauptstadt“ gefahren und weiter beobachtet worden. „Ein diesen Raum verlassendes West-Kfz wurde bei der Grenzpassage spezifischen Kontrollmaßnahmen unterzogen.“

Die Transitrouten, die offiziellen Verkehrs- und Frachtverbindungen Westberlins mit der BRD, wurden – neben der „Ausschleusung“ über das sozialistische Ausland – am häufigsten als Fluchtwege in den Westen genutzt. Meist wurden die Ausreisewilligen im Kofferraum, im Fach des Reserverades oder hinter einem umgebauten Armaturenbrett in einem Pkw, einem Diplomatenwagen oder einem zoll-verplombten Kleintransporter versteckt. Manchmal bewegten sich die Fluchthelfer mit ihren Methoden in einer rechtlichen „Grauzone“, Verbindungen ins Kriminellen- und Drogenmilieu konnten nicht ausgeschlossen werden. Nicht zuletzt aus diesem Grund verloren die „Fluchthelfer“ zunehmend an Prestige in der BRD.

Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F000250–0050/CC-BY-SA
Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F000250–0050/CC-BY-SA

Für die DDR stellte dies einen wichtigen Aspekt dar, der in Schauprozessen gegen Fluchthelfer oder in politischen Veranstaltungen ideologisch ausgeschlachtet wurde. Letzteres geschah in einem Krankenhaus mit „operativen Schwerpunkt“ in Berlin im Jahre 1973. In dieser von oberster Stelle organisierten Versammlung der medizinischen Mitarbeiter warnte der Generalstaatsanwalt von Berlin, dass „Menschenhändlerorganisationen Abwerbungen unter Ausnutzung labiler ideologischer Haltungen zur sozialistischen DDR und bestehender Illusionen über den Imperialismus in der BRD“ mit „skrupellosen Methoden“ und die eigentliche Flucht mit „verbrecherischen Schleusungsmethoden“ durchführen würden. Auch Ge­sund­heits­mi­nis­ter Ludwig Mecklinger war anwesend und „appellierte an die Ehre und ethische Verpflichtung des Arztes, was unter anderem auch bedeute, sich nicht in die Hände derartiger verbrecherischer, krimineller, arbeitsscheuer Elemente, Rauschgiftsüchtiger und Rauschgifthändler zu begeben und sich nicht würdelos mit ihnen auf eine Stufe zu stellen“.

Leipziger Messe galt als beliebte Kontaktbörse

Die ideologischen Kampagnen und der Appell an den ärztlichen Ethos blieben jedoch meist ohne große Wirkung, was die Reaktionen auf diese Veranstaltungen bewiesen. Die problematischen Arbeits- und Lebensbedingungen der Ärzte, die von Mängeln und Überbelastungen geprägt waren, aber auch die Ablehnung der sozialistischen Ideologie und des Führungsanspruches der SED spielten eine große Rolle bei ihrem Entschluss, der DDR den Rücken zu kehren.

Auch die Erwartung auf bessere Karrieremöglichkeiten, Freiheiten, auf eine vermeintlich unabhängige medizinische Forschung und ein besseres Einkommen führte bei vielen Ärzten zu Fluchtgedanken. Bestärkt wurden diese nicht nur durch die frei empfangbaren westlichen Medien und die allgemeinen kollegialen Kontakte in den Westen, sondern insbesondere durch die regelmäßig stattfindenden Leipziger Messen; diese waren dem MfS als „Schwerpunkt gegnerischer Kontakttätigkeit“ ein Dorn im Auge. Vor allem westliche Pharma-Konzerne würden die Messen nutzen, um Arztadressen zu sammeln und um in der DDR nicht zugelassene Medikamente zu Testzwecken zu verteilen. Daneben würden persönliche Gespräche oder Diskussionen mit mehreren Teilnehmern außerhalb der Messe in privater Atmosphäre durchgeführt und entzögen sich so zumeist der Überwachung durch das MfS.

Zusammenarbeit mit Organisationen im Westen

Aber auch die Fluchthelferorganisationen nutzten diese Gelegenheit, um Kontakte zu „Ausreisewilligen“ zu knüpfen. Nach MfS-Aktenlage war die Zusammenarbeit westlicher Organisationen, namentlich des Hartmannbundes, mit den Fluchthelfern nicht unüblich, wobei oftmals erstere „als Vermittler und Auftraggeber“ mit Vorschüssen an die Schleuser gewirkt hätten. Eine Anfrage beim Hartmannbund zu dieser Problematik blieb leider erfolglos. Auch der BND übermittelte die Information, dass keine relevanten Akten zu diesem Thema vorhanden seien, was eine Überprüfung der Wahrnehmungen des MfS und eine historische Aufarbeitung des Sachverhalts verhindert.

Auch die Vereinigungen ehemaliger DDR-Ärzte im Westen waren dem MfS suspekt. Der sogenannte „Chemnitzer Kreis“ beispielsweise, eine Gruppe von elf Ärzten, die vorher in Karl-Marx-Stadt tätig gewesen war, komme „mit der konkreten Zielsetzung zusammen, die Schleusung eines oder mehrerer namentlich bisher bekannt gewordener Ärzte zu organisieren“. Auch hier bestehe eine Kooperation mit den Fluchthelferorganisationen. Dazu komme, dass die Schleusung als „derzeit ungefährlichste Methode“ propagiert worden sei, was in der Analyse des MfS insbesondere die eher risikoscheue Intelligenz überzeugen sollte, diesen Weg der Flucht zu nutzen.

„Der Bruder der Dr. Müller traf gegen 22.10 Uhr zu Hause ein. Hierbei konnte erarbeitet werden, dass er seine Ehefrau über die durchgeführte Fahrt annähernd detailliert informiert hat.“ Ob es sich dabei um eine Abhörmaßnahme handelte, die Ehefrau selbst IM oder im Nachhinein verhört worden war, kann nicht nachvollzogen werden, doch schlug das MfS in diesem Moment zu, und es erfolgte „die vorläufige Festnahme des Bruders von Dr. Müller, um auf diesem Weg noch Informationen zum Aufenthalt der Dr. Müller und zur Schleusung zu erhalten.“

Die Zusammenarbeit mit Geheimdiensten wurde auch in der Gegenrichtung betrieben. Neben den üblichen Befragungen der DDR-Flüchtlinge durch westliche Geheimdienste in den sogenannten „Notaufnahmelagern“ der BRD, kam es laut MfS ferner zu direkten Kooperationsbestrebungen. In einem Fall soll sich bei einem Arzt in hoher staatlicher Funktion, welcher einen Bekannten in der BRD um Hilfe bei seiner Flucht bat, die CIA eingeschaltet haben. Die CIA hätte ihm angeboten, ein Jahr lang für sie Spionage in seinem Institut zu betreiben, wonach sie sich um die Ausschleusung kümmern und ihm 100 000 DM für seine Dienste bezahlen würde. Der betreffende Arzt habe dieses Angebot abgelehnt, da er nur Unterstützung bei der Flucht ersuchte, wodurch der Kontakt daraufhin abgebrochen sei.

Festnahme und Überführung nach Berlin

Bei dem Fall von Dr. Müller verließ die westdeutsche „Bezugsperson“ vorzeitig „um 23.45 Uhr“ die DDR; sie wurde an der Grenze erwartet und „intensiver“ Kontrollen ohne Ergebnis unterzogen. Anscheinend war die Situation als zu gefährlich erkannt worden oder die Person fungierte nur als Kurier. Jedenfalls wurden „gegen 01.10 Uhr durch die Beobachtungskräfte auf der F 5, km 93, zwei weibliche Personen festgestellt, die um 02.20 Uhr durch Kontrollmaßnahmen als die gesuchten Schleusungskandidaten identifiziert werden konnten. Daraufhin wurde deren Festnahme und Überführung nach Berlin veranlasst.“

Markus Wahl
University of Kent, Canterbury
mw462@kent.ac.uk

Weiterer Klärungsbedarf

Die hier geschilderten Sachverhalte sind derzeit für die historische Forschung nur schwer zugänglich. Oftmals hat man den Einblick in die Geschehnisse nur durch die „Brille“ der MfS-Akten, und es ist nicht immer leicht, ideologische Verfärbungen und Unterstellungen von der Realität zu unterscheiden. Für die Forschung wäre es daher mehr als gewinnbringend, wenn eine Gegenprobe und damit eine differenzierte Betrachtungsweise erreicht werden könnte. Daher würde ich mich sowohl über die Bereitschaft von Zeitzeugen zu einem Interview als auch über Material, wie Tagebücher, Briefe, Unterlagen et cetera sehr freuen. Natürlich wird Anonymität garantiert und bei einer anonymisierten Benutzung eines Sachverhaltes das Einverständnis der Betroffenen eingeholt.

Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V.
an der TU Dresden

z. Hd. Herrn Markus Wahl
Helmholtzstraße 6, 01069 Dresden
mw462@kent.ac.uk

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