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Ergebnisse der radikalen Prostatektomie beim neu diagnostizierten Prostatakarzinom

Dtsch Arztebl Int 2013; 110(29-30): 497-503; DOI: 10.3238/arztebl.2013.0497
MEDIZIN: Originalarbeit
Isbarn, Hendrik; Huland, Hartwig; Graefen, Markus
Martini-Klinik, Universitäres Prostatakarzinom Zentrum Hamburg-Eppendorf:
PD Dr. med. Isbarn, Prof. Dr. med. Huland, Prof. Dr. med. Graefen
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Abteilung für Urologie: PD Dr. med. Isbarn

Hintergrund: Noch vor wenigen Jahren galt das lokal fortgeschrittene beziehungsweise Hochrisiko-Prostatakarzinom (PCa) als generell inkurabel. In den letzten Jahren mehren sich Hinweise, dass auch bei diesen Patienten das onkologische Ergebnis nach radikaler Prostatektomie nicht uniform schlecht ist.

Methoden: Zwischen 1992 und 2012 wurden insgesamt 13 262 evaluierbare Patienten aufgrund eines PCa mittels radikaler Prostatektomie behandelt. Hiervon hatten 4 391 ein lokal fortgeschrittenes und/oder lymphogen metastasiertes Stadium und/oder zeigten histopathologisch ungünstige Charakteristika. Die Endpunkte der retrospektiven, unizentrischen Studie waren das biochemisch rezidivfreie- (postoperativer PSA-Wert < 0,2 ng/mL), das karzinomspezifische- und das Gesamtüberleben. Diese Daten wurden retrospektiv erhoben.

Ergebnisse: Das 10 Jahre biochemisch-rezidivfreie Überleben, das karzinomspezifische sowie das Gesamtüberleben betrug 53 %, 98 % und 89 % für Patienten mit einem extraprostatischen Tumorwachstum (Tumorstadium pT3a; N = 2 675), 19 %, 87 % und 79 % für Patienten mit dem Nachweis einer Samenblaseninvasion (pT3b; N = 1 373) sowie 3 %, 77 % und 69 % für Patienten mit einer Tumorinvasion in Nachbarorgane (pT4; N = 53). Die entsprechenden Daten betrugen 14 %, 81 % und 71 % bei Patienten mit Lymphknotenmetastasen (N = 682), 32 %, 93 % und 85 % bei Patienten mit einem präoperativen PSA-Wert > 20 ng/mL (N = 728) und 25 %, 70 % und 58 % für Patienten mit einem Prostatektomie-Gleason-Score ≥ 8 (N = 559).

Schlussfolgerung: Auch bei Patienten mit einem lokal fortgeschrittenen und/oder nodal metastasierten beziehungsweise lokalisierten Hochrisiko-PCa ist die Prognose nicht uniform infaust. Obgleich die Mehrheit dieser Patienten nach radikaler Prostatektomie ein biochemisches Rezidiv erleidet, beträgt das karzinomspezifische Versterben innerhalb von zehn Jahren nach der radikalen Prostatektomie unter Berücksichtigung der jeweiligen Risikokonstellation zwischen 2 % und 30 % und das Gesamtüberleben zwischen 58 % und 89 %.

Das Prostatakarzinom (PCa) ist in der westlichen Welt die häufigste solide maligne Erkrankung des Mannes (1). Seit der Etablierung der Bestimmung des prostataspezifischen Antigens (PSA) in den klinischen Alltag, wird die Mehrzahl der heutzutage detektierten PCa in einem frühen Stadium diagnostiziert. Eine Besonderheit beim PCa im Vergleich zu anderen soliden malignen Erkrankungen ist der insgesamt meist protrahierte natürliche Krankheitsverlauf. Dieser wird maßgeblich durch den Differenzierungsgrad bestimmt, der beim PCa durch den Gleason-Score angegeben wird (2). Jedoch wird ein signifikanter Anteil der neu diagnostizierten PCa erst in einem lokal fortgeschrittenen Stadium entdeckt und/oder zeigt eine sehr schlechte Differenzierung (Hochrisiko-PCa). In der Vergangenheit galten solche PCa als generell inkurabel. Entgegen dieser Aussage mehren sich in den letzten Jahren Berichte, die zeigen, dass auch bei einer Hochrisiko-Konstellation durchaus bei einem signifikanten Prozentsatz an Patienten eine Heilung durch die radikale Prostatektomie erzielt werden kann, beziehungsweise das tumorspezifische Überleben durch eine sequenzielle Therapie nicht uniform schlecht ist (35). Das Ziel der vorliegenden Studie war das biochemisch rezidivfreie, das karzinomspezifische und das Gesamtüberleben sowie Langzeitkomplikationen bei Patienten mit einem lokal fortgeschrittenen, nodal metastasierten oder Hochrisiko-PCa an einem großen, konsekutiven, kontemporären Patientenkollektiv nach radikaler Prostatektomie zu evaluieren. Die Effektivität der radikalen Prostatektomie im Vergleich zu anderen Therapieformen, wie zum Beispiel der Radiatio, wurde nicht direkt evaluiert, da diesbezüglich keine Originaldaten vorliegen.

Patienten und Methoden

Seit 1992 werden die Daten aller Patienten, die sich in der Abteilung für Urologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) oder in der Martini-Klinik am UKE einer radikalen Prostatektomie unterziehen, in eine elektronische Datenbank prospektiv eingegeben. Alle Patienten werden postoperativ in jährlichen Abständen bezüglich relevanter onkologischer (Eintritt biochemisches Rezidiv, letzter PSA-Wert, additive Therapie etc.) und funktioneller Daten (Aussagen zu Kontinenz, Potenz etc.) postalisch kontaktiert und die Daten von hierzu speziell geschultem Personal in die Datenbank eingegeben. Somit können die erhobenen Daten zu jedem Zeitpunkt retrospektiv evaluiert werden.

Die Operationstechnik für die offene radikale Prostatektomie erfolgte seit 1992 in den allermeisten Fällen über einen retropubischen Zugangsweg (6). Neben dem retropubischen Zugangsweg wird seit 2005 auch die Roboter-assistierte laparoskopische Prostatektomie (DaVinci) durchgeführt. Das Staging orientiert sich analog an der TNM-Klassifikation von 2002/2009 (7) (Kasten).

TNM-Klassifizierung des
Prostatakarzinoms
nach radikaler Prostatektomie
(pathologisches Stadium)
TNM-Klassifizierung des Prostatakarzinoms nach radikaler Prostatektomie (pathologisches Stadium)

Das Grading der Prostatabiopsien sowie der radikalen Prostatektomie-Präparate erfolgte anhand des von Gleason beschriebenen und nach ihm benannten Grading-Systems (2). Die Aufarbeitung der Prostatektomie-Präparate wird nach dem Stanford-Protokoll in 3-mm-Schnitten durchgeführt (8). Eine Lymphadenektomie erfolgte nicht bei allen Patienten, sondern lediglich bei moderatem beziehungsweise hohem Risiko einer Lymphknoten-Metastasierung, wie es beispielsweise bei einem präoperativen PSA-Wert > 10 ng/mL und/oder einem bioptischen Gleason-Score ≥ 7 der Fall ist (9).

Als biochemisches Rezidiv (PSA-Rezidiv) wurde ein PSA-Wert von 0,2 ng/mL und steigend bezeichnet, gemessen drei oder mehr Monate nach radikaler Prostatektomie. Erfolgte eine Radiatio innerhalb der ersten vier Monate nach radikaler Prostatektomie unabhängig vom PSA-Wert, wurde dies als adjuvante Radiatio deklariert. Eine additive Bestrahlung nach mehr als vier Monaten nach radikaler Prostatektomie aufgrund eines biochemischen Rezidivs wurde als Salvage-Radiatio bezeichnet. Analog hierzu wurden die Begriffe der adjuvanten und Salvage-Androgen-Deprivation definiert.

Endpunkte der Arbeit waren die Bestimmung des biochemisch rezidivfreien-, des karzinomspezifischen- und des Gesamtüberlebens nach radikaler Prostatektomie. Dies erfolgte nach der Kaplan-Meier-Methode. Hierbei wurden zunächst Patienten mit einem lokal fortgeschrittenen (pT-Stadium pT3a, pT3b oder pT4) oder einem nodal metastasierten Prostatakarzinom evaluiert. Anschließend wurden das biochemisch rezidivfreie- und das karzinomspezifische Überleben für Patienten mit einer Hochrisiko-Tumorkonstellation untersucht (präoperativer PSA-Wert > 20 ng/mL und/oder Gleason-Score ≥ 8 des Prostatektomie Präparats). Hierbei haben sich die Autoren der Studie sich beim PSA-Werts an der von D’Amico et al. formulierten Definition des Hochrisiko-PCa orientiert. Entgegen dieser Definition haben die Autoren bei der Wahl des Gleason-Scores zur Definition des Hochrisiko-PCa nicht den bioptischen Gleason-Score sondern den Prostatektomie-Gleason-Score verwendet, weil der bioptische und der Prostatektomie-Gleason-Score nur bedingt miteinander korrelieren und entsprechend der Prostatektomie-Gleason-Score besser zur Definition des Hochrisiko-PCa geeignet ist (10).

Weiterhin wurden die Raten an postoperativer Inkontinenz und erektiler Dysfunktion (ED) ein Jahr nach der Operation erhoben. Als postoperative Inkontinenz wurde ein täglicher Verbrauch von ≥ 1 Vorlage bezeichnet. Ausgenommen hiervon wurden Patienten, die eine Vorlage zur Sicherheit trugen, obgleich sie keinen relevanten unwillkürlichen Urinverlust aufwiesen. Die ED wurde nach dem „International Index of Erektile Function“ (IIEF-5) Fragebogen evaluiert. Berücksichtigt wurden hierbei nur die Patienten, die präoperativ keine ED aufwiesen (IIEF-5-Score 22–25). Die statistische Auswertung erfolgte mittels SPSS, Version 17.

Ergebnisse

Deskriptive Daten

Zwischen dem 1. Januar 1992 und dem 22. März 2012 wurden insgesamt 15 045 Patienten in der Abteilung der Autoren mit Hilfe der radikalen Prostatektomie behandelt. Hiervon wurden 732 Patienten aufgrund fehlender Werte relevanter Variablen exkludiert. Weiterhin wurden 1 051 Patienten von der Studie ausgeschlossen, weil bei ihnen eine neoadjuvante Androgendeprivation durchgeführt wurde und diese die histologische Aufarbeitung erheblich erschweren und somit verfälschen kann (11). Eingeschlossen wurden jedoch Patienten, die eine adjuvante oder Salvage-Androgen-Deprivation oder eine adjuvante oder Salvage-Bestrahlung erhielten, weil sonst die Raten bezüglich des biochemisch rezidivfreien-, tumorspezifischen- und des Gesamtüberlebens wissentlich positiv verändert worden wären. Grund dafür ist, dass eine additive Therapie in der Regel bei Patienten mit tendenziell ungünstiger Prognose beziehungsweise nach Eintreten eines Rezidivs durchgeführt wird. Weiterhin wurden nur Patienten berücksichtigt, die ein Tumorstadium ≥ pT3a und/oder einen präoperativen PSA-Wert > 20 ng/mL und/oder einen Prostatektomie-Gleason-Score ≥ 8 und/oder Lymphknotenmetastasen aufwiesen. Entsprechend umfasste unser evaluiertes Patientenkollektiv 4 391 Patienten. In Tabelle 1 ist die deskriptive Übersicht dieser Gesamtkohorte dargestellt.

Patientencharakteristika der 4 391 Patienten
Patientencharakteristika der 4 391 Patienten

Insgesamt 921 (21 %) Patienten erhielten eine additive Radiatio nach radikaler Prostatektomie; hiervon bei 303 (6,9 %) Patienten als adjuvante und bei 618 Patienten (14,1 %) als Salvage-Bestrahlung. Bei 118 Patienten (2,7 %) erfolgte adjuvant eine Androgen-Deprivation und bei 479 Patienten (10,9 %) wurde eine Salvage-Androgen-Deprivation durchgeführt.

Ergebnisse der onkologische Therapie

Die Grafik 1 zeigt die Kaplan-Meier Kurven des karzinomspezifischen Überlebens für Patienten mit einem Tumorstadium pT3a, pT3b, pT4, pN1 und/oder einem präoperativen PSA-Wert > 20 ng/mL und/oder einem Prostatektomie-Gleason-Score ≥ 8.

Prostatakarzinom-spezifisches Überleben nach radikaler Prostatektomie für Patienten mit Nachweis eines lokal fortgeschrittenen Tumors
Prostatakarzinom-spezifisches Überleben nach radikaler Prostatektomie für Patienten mit Nachweis eines lokal fortgeschrittenen Tumors

Die 10-Jahres-karzinomspezifischen Überlebensraten betrugen:

Für Patienten mit einer Hoch-Risiko-Tumorkonstellation betrugen die 10-Jahres-karzinomspezifischen Überlebensdaten und die 10-Jahres-Gesamtüberlebensdaten 93 % und 85 % für Patienten mit einem präoperativen PSA-Wert > 20 ng/mL (N = 728) und 70 % und 58 % für Patienten mit einem Prostatektomie-Gleason-Score ≥ 8 (N = 559). Die entsprechenden 10-Jahres-biochemisch-rezidivfreien Überlebensdaten betrugen 32 % und 25 %.

Funktionelles Ergebnis

In Tabelle 2 sind die Raten an postoperativer Belastungsinkontinenz und erektiler Dysfunktion (ED) dargestellt. Ein Jahr nach der Operation waren 87,7 % der Patienten vollständig kontinent. Bezüglich der Potenz zeigte sich bei präoperativ potenten Männern:

Raten an postoperativer Belastungsinkontinenz
Raten an postoperativer Belastungsinkontinenz

Diskussion

Die Häufigkeit der Prostatakrebserkrankung sowie deren ausgesprochene Heterogenität stellt eine große Herausforderung dar. Auf der einen Seite finden sich indolente Varianten mit sehr protrahiertem natürlichen Krankheitsverlauf, die teilweise keinerlei aktiver Behandlung bedürfen (12). Auf der anderen Seite existieren auch lokal fortgeschrittene Tumoren beziehungsweise Tumoren, deren Charakteristika einem Hochrisiko-PCa entsprechen, die auch durch radikale chirurgische und/oder strahlentherapeutische Intervention mitunter nicht geheilt werden können. Letztgenannte PCa wurden in der vorgelegten Arbeit untersucht.

Noch bis vor wenigen Jahren wurde bei Patienten mit lokal fortgeschrittenen beziehungsweise Hochrisiko-PCa als initiale Behandlung eher selten ein chirurgisches Vorgehen im Sinne einer radikalen Prostatektomie propagiert, sondern als häufig nur palliative Maßnahme vorwiegend eine Bestrahlung der Prostata empfohlen. Denberg et al. publizierten im Jahr 2006 eine Studie (13), in der die Autoren die präferierte Therapieoption beim klinisch fortgeschrittenen Prostatakarzinom (klinisches Stadium T3) in den USA im Zeitraum von 1995–2001 untersuchten. Es zeigte sich, dass während des Untersuchungszeitraums die Anzahl an radikalen Prostatektomien zur Primärbehandlung von 18 % auf 9 % abnahm, während die Radiatio als primäre Therapie der Wahl von 58 % auf 69 % anstieg.

In den letzten Jahren wurden jedoch mehrere Arbeiten veröffentlicht, die zeigen konnten, dass auch bei Hochrisiko-Patienten ein signifikanter Anteil durch die radikale Prostatektomie geheilt werden kann beziehungsweise das karzinomspezifische Überleben trotz Rezidiv nach erfolgter Prostataentfernung nicht einheitlich infaust ist. Bereits 1994 wurden durch Partin et al. 5-Jahres-biochemisch rezidivfreie Überlebensraten nach radikaler Prostatektomie von 43 % bei Patienten mit schlecht differenziertem PCa (Gleason-Score ≥ 8) notiert (14). Weitere Studien kamen zu ähnlichen Ergebnissen (15, 16). Noch bessere Ergebnisse erbrachte eine unlängst erschienene Arbeit von Stephenson et al., in welcher bei Patienten mit Hoch-Risiko PCa nach der Definition von D’Amico et al (17) das 10- und 15-Jahr- karzinomspezifische Überleben nach radikaler Prostatektomie 92 % und 81 % betrug (16).

Neben diesen onkologischen Daten wurden in den letzten Jahren auch Studien publiziert, in denen funktionelle Ergebnisse nach radikaler Prostatektomie beim Hochrisiko-PCa evaluiert wurden. In einer Studie der Arbeitsgruppe der Autoren aus dem Jahr 2009 (6) wurden die postoperativen Inkontinenzraten sowie die Rate an erektiler Dysfunktion nach erektionsnervenschonender Prostatektomie untersucht. Hierbei wurde das Risikoprofil der Patienten allerdings nicht gesondert berücksichtigt. Abhängig vom Patientenalter betrugen die Raten an kompletter postoperativer Kontinenz zwischen 97,4 % (Alter < 60 Jahre) und 84,1 % (Alter > 70 Jahre). Unter Berücksichtigung der Nerverhaltung betrugen die postoperativen Potenzraten (bei präoperativ potenten Männern) zwischen 84–92 % bei beidseitiger und zwischen 58–70 % bei einseitiger Erhaltung der Nervi erigentes. Diese Inkontinenzraten decken sich weitestgehend mit den in dieser Studie erhobenen Daten. Die Rate an schwerer ED ist in der vorliegenden Studie deutlich höher, jedoch muss berücksichtigt werden, dass in dieser Studie aus onkologischen Gründen bei lediglich 48 % der Patienten mit einem Prostatektomie-Gleason-Score ≥ 8 eine Nerverhaltung durchgeführt werden konnte. Bei Patienten mit einem präoperativen PSA-Wert von > 20 ng/mL betrug die Rate an nerverhaltenden Operationen ebenfalls lediglich 49 %.

Aufgrund der publizierten Daten wird die radikale Prostatektomie heutzutage auch bei Patienten mit einem Hochrisiko-Prostatakarzinom zunehmend angewandt. Dies spiegelt sich in aktuellen europäischen und US-amerikanischen Leitlinien wieder, in welchen die radikale Prostatektomie auch bei geeigneten Hochrisiko-Patienten als sinnvolle Therapieoption bezeichnet wird (11, 18). In der aktuellen S3-Leitlinien zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms wird ebenfalls die radikale Prostatektomie neben der externen Radiatio und der Hochdosis-Brachytherapie (HDR-Brachytherapie) als mögliche Therapieoption zur Behandlung des Hochrisiko-Prostatakarzinoms und/oder des lokal fortgeschrittenen Prostatakarzinoms aufgeführt, ohne dass eine der Therapieformen eindeutig favorisiert wird (19). Dass diese Tumore bei Patienten < 75 Jahre, die nicht zu krank für die Durchführung einer radikalen Prostatektomie sind, behandlungsbedürftig sind, wurde unlängst in einer prospektiv randomisierten Studie gezeigt, in denen Patienten mit lokalisiertem Prostatakarzinom in einen Behandlungsarm (radikale Prostatektomie; N = 364) oder einen Beobachtungsarm (Watchful Waiting; N = 367) randomisiert wurden (12). Während sich bei Patienten mit einem Niedrigrisiko-Prostatakarzinom kein Unterschied im Gesamtüberleben zwischen den beiden Behandlungsarmen feststellen ließ, zeigte sich bei Patienten der Prostatektomie-Gruppe mit intermediärer beziehungsweise Hochrisiko-Konstellation eine Reduktion der Gesamtmortalität von 13 %. Eine risikostratifizierte Auswertung der randomisierten Scandinavian-Prostate-Cancer-Group (SPCG-4)-Studie kam zu dem Ergebnis, dass Patienten mit einem aggressiven Prostatakarzinom (Gleason-Score ≥ 8) beziehungsweise Patienten mit einem Gleason-Score von 7 und einem klinischen Tumorstadium T2 unzweifelhaft von der radikalen Prostatektomie profitieren, während Patienten mit einem Niedrigrisiko-Prostatakarzinom und/oder Patienten deutlich älter als 70 Jahre kaum bis wenig von der Operation profitieren (20).

Neben der radikalen Prostatektomie ist vor allem die Radiatio ein etabliertes Verfahren zur Behandlung des Prostatakarzinoms. Beide Verfahren sind bisher nicht bezüglich ihrer onkologischen Effektivität prospektiv verglichen worden. Dennoch kommen retrospektiv erhobene Daten bei Hochrisiko-Patienten zu dem Schluss, dass ein onkologischer Vorteil zugunsten der radikalen Prostatektomie besteht. Zelefsky et al. verglichen retrospektiv die radikale Prostatektomie und die externe Radiatio (21). Während bei Patienten der Low-risk-Gruppe keine statistisch signifikanten Unterschiede in der Rate der metastatischen Progression nach acht Jahren zu sehen waren, zeigten sich bei Patienten der Intermediate-risk-Gruppe und vor allem in der Hochrisiko-Gruppe ein Unterschied in den Raten der metastatischen Progression (3,3 % und 7,8 %) zuungunsten der Strahlentherapie. In einer weiteren Arbeit von Cooperberg et al. konnte ebenfalls ein statistisch signifikanter Unterschied in den karzinomspezifischen Überlebensdaten bei Patienten mit Hochrisiko-PCa zugunsten der radikalen Prostatektomie dokumentiert werden (22). Relativ zur radikalen Prostatektomie war die externe Radiatio mit einem 1,55–1,59-fach erhöhten Risiko der karzinomspezifischen Mortalität assoziiert.

Ein weiterer potenzieller Vorteil der radikalen Prostatektomie im Vergleich zur Radiatio liegt darin begründet, dass im Falle eines Rezidivs nach radikaler Prostatektomie ein substanzieller Anteil an Patienten durch eine additive Bestrahlung (sogenannte Salvage-Radiatio) mit akzeptabler Morbidität geheilt werden kann, beziehungsweise es für einen variablen Zeitraum erneut keinen Hinweis für Karzinomaktivität gibt. In einer im Jahr 2009 publizierten Arbeit zeigten sich nach Salvage-Bestrahlung keine Grad-4-Toxizität. Die Rate an Grad-3-Toxizität betrug für die akute beziehungsweise späte gastrointestinale Toxizität 1,2 beziehungsweise 0,6 % sowie 0,0 beziehungsweise 0,6 % für die akute beziehungsweise späte urogenitale Toxizität (23). Das 4-Jahr-biochemisch-rezidivfreie Überleben betrug 82 %.

Kommt es nach primärer Radiatio zu einem Rezidiv ist dies prinzipiell auch durch eine Salvage radikale Prostatektomie therapierbar und heilbar, jedoch ist die Salvage-Prostatektomie mit einem deutlich erhöhten Risiko an schwerwiegenden Komplikationen vergesellschaftet. In einer Arbeit von van der Poel et al. wurden die Raten an Inkontinenz und erektiler Dysfunktion nach jeweiliger Salvage-Therapie verglichen (24). Es zeigten sich statistisch signifikante Unterschiede bezüglich der Inkontinenzraten (13 vs. 56 %) und der Rate an erektiler Dysfunktion (61 vs. 81 %) zuungunsten der Salvage-Prostatektomie.

Es muss betont werden, dass die in der vorliegenden Studie genannten Überlebensdaten häufig nicht alleine durch die radikale Prostatektomie erzielt wurden, sondern dass bei insgesamt 21 % der Patienten eine additive Radiatio durchgeführt wurde (Salvage oder adjuvant). Weiterhin erhielten insgesamt 13,6 % der Patienten eine additive Androgen-Deprivation in Form einer Salvage- oder adjuvanten Therapie. Dies sollte in der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden.

Die Studie der Autoren hat einige Limitationen, die nicht unerwähnt bleiben sollen. Zum einen handelt es sich um eine retrospektive Studie. Darüber hinaus ist die Studie unizentrisch und die Behandlung der Patienten erfolgte in einem auf das Prostatakarzinom spezialisierten Zentrum. Entsprechend können die erzielten Ergebnisse nicht notwendigerweise generalisiert werden.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass obgleich die Mehrheit der Patienten mit einem lokal fortgeschrittenen, nodal metastasierten oder Hochrisiko-PCa ein Rezidiv nach radikaler Prostatektomie erleidet, nur ein relativ geringer Teil nach zehn Jahren karzinomspezifisch verstirbt. Weiterhin sind bis zu 53 % der Patienten mit einem nichtorgan-begrenzten Tumor postoperativ langfristig rezidivfrei und das 10-Jahres-Gesamtüberleben beträgt bei entsprechender Patientenselektion je nach Risikokonstellation zwischen 58 % und 89 %. Um die optimale Behandlungsstrategie solcher PCa auf hohem Evidenzlevel formulieren zu können, sind allerdings prospektive Studien notwendig.

Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 12. 9. 2012, revidierte Fassung angenommen: 8. 4. 2013

Anschrift für die Verfasser
PD Dr. med. Hendrik Isbarn
Abteilung für Urologie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
h.isbarn@uke.de

Zitierweise
Isbarn H, Huland H, Graefen M: Results of radical prostatectomy in newly diagnosed prostate cancer—long-term survival rates in locally advanced and high risk cancers. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(29–30): 497–503.
DOI: 10.3238/arztebl.2013.0497

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

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