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Das therapeutische Potenzial von Cannabis und Cannabinoiden

Dtsch Arztebl Int 2012; 109(29-30): 495-501; DOI: 10.3238/arztebl.2012.0495
MEDIZIN: Übersichtsarbeit
Grotenhermen, Franjo; Müller-Vahl, Kirsten
nova-Institut GmbH, Chemiepark Knapsack, Hürth: Dr. med. Grotenhermen
Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Hochschule Hannover:
Prof. Dr. med. Müller-Vahl

Hintergrund: Seit der Entdeckung des endogenen Cannabinoid-Rezeptorsystems vor etwa 20 Jahren werden Medikamente auf Cannabisbasis intensiv erforscht. Im Jahr 2011 wurde in Deutschland erstmals ein Cannabisextrakt arzneimittelrechtlich zugelassen.

Methode: Selektive Literaturrecherche

Ergebnisse: Die klinischen Wirkungen von Cannabismedikamenten sind in der Mehrzahl auf eine Aktivierung von endogenen Cannabinoid-CB1- und CB2-Rezeptoren zurückzuführen. Seit 1975 wurden mehr als 100 kontrollierte klinische Studien mit Cannabinoiden oder Ganzpflanzenzubereitungen bei unterschiedlichen Indikationen durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Studien führten in zahlreichen Ländern zur Zulassung von Medikamenten auf Cannabisbasis (Dronabinol, Nabilon und einem Cannabisextrakt [THC : CBD = 1 : 1]). In Deutschland ist dieser Cannabisextrakt seit 2011 für die Behandlung der mittelschweren oder schweren therapieresistenten Spastik bei multipler Sklerose zugelassen. Eine „off-label“-Behandlung erfolgt derzeit am häufigsten bei Appetitlosigkeit, Übelkeit und neuropathischen Schmerzen. Alternativ können Patienten bei der Bundesopiumstelle eine Ausnahmeerlaubnis zum Erwerb von Medizinal-Cannabisblüten im Rahmen einer ärztlich überwachten Selbsttherapie beantragen. Die häufigsten Nebenwirkungen von Cannabinoiden sind Müdigkeit und Schwindel (> 1/10), psychische Effekte und Mundtrockenheit. Gegenüber diesen Nebenwirkungen entwickelt sich fast immer innerhalb kurzer Zeit eine Toleranz. Entzugssymptome stellen im therapeutischen Kontext kaum jemals ein Problem dar.

Schlussfolgerungen: Es gilt heute als erwiesen, dass Cannabinode bei verschiedenen Erkrankungen einen therapeutischen Nutzen besitzen.

Die Erkenntnisse zum therapeutischen Potenzial von Cannabisprodukten wurden in den vergangenen Jahren durch eine große Zahl klinischer Studien erheblich verbessert (15). Bereits im Oktober 2008 erklärten daher die Bundes­ärzte­kammer, die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft anlässlich einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags: „Der Nutzen einer Therapie mit Cannabinoiden ist für einige medizinische Indikationen durch kontrollierte Studien dargestellt worden, in denen überwiegend standardisierte und/oder synthetische Cannabinoidpräparate verwendet wurden. Der Einsatz dieser Präparate kann demnach bei Patienten, die unter einer konventionellen Behandlung keine ausreichende Linderung von Symptomen wie Spastik, Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder Appetitmangel haben, sinnvoll sein“ (6). Im Jahr 2011 wurde nun erstmalig in Deutschland ein Medikament auf Cannabisbasis arzneimittelrechtlich zugelassen. Nachfolgend wird der aktuelle Kenntnisstand zum therapeutischen Nutzen von Cannabismedikamenten dargestellt.

Methode

Diese Übersicht basiert auf einer Recherche in der medizinischen Datenbank PubMed (Januar 2000 bis Dezember 2011) mit den Stichworten „cannabi* or marijuana or THC or endocannabinoid“. Zudem wurden Übersichten aus Standardwerken (15) sowie die Studiendatenbank der IACM (International Association for Cannabinoid Medicines) ausgewertet. Bei der Darstellung des therapeutischen Potenzials wurden ausschließlich Ergebnisse aus randomisierten kontrollierten Studien berücksichtigt.

Geschichte

Seit Jahrhunderten werden in vielen Kulturen Medikamente auf Cannabisbasis zu therapeutischen Zwecken eingesetzt (7). In Europa wurden sie Ende des 19. Jahrhunderts zur Behandlung von Schmerzen, Spasmen, Asthma, Schlafstörungen, Depression und Appetitlosigkeit verwendet. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verloren diese Medikamente nahezu vollständig an Bedeutung, auch weil es lange Zeit nicht gelang, die chemische Struktur der Inhaltsstoffe der Cannabispflanze (Cannabis sativa L.) zu ermitteln. Erst 1964 konnte (-)-trans-Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC, Dronabinol), der wichtigste Inhaltsstoff von Cannabis, stereochemisch definiert werden (8). Dies und nachfolgend die Entdeckung eines körpereigenen Cannabinoidsystems mit spezifischen Rezeptoren und endogenen Liganden war der Beginn intensiver Forschungen zur Funktion des Endocannabinoidsystems und der klinischen Bedeutung von Medikamenten auf Cannabisbasis.

Cannabinoidrezeptoren und Endocannabinoide

Bis heute wurden zwei endogene Cannabinoidrezeptoren identifiziert. Im Jahre 1990 wurde der (überwiegend zentral gelegene) CB1-Rezeptor geklont, drei Jahre später der (überwiegend peripher lokalisierte und vor allem von Zellen des Immunsystems exprimierte) CB2-Rezeptor (9). CB1-Rezeptoren wurden mittlerweile nicht nur im ZNS, sondern auch in vielen peripheren Organen und Geweben nachgewiesen, etwa in Immunzellen, Milz, Nebennieren, sympathischen Ganglien, Pankreas, Haut, Herz, Blutgefäßen, Lunge und in Teilen des Urogenital- und des Magendarmtrakts. Nur die Aktivierung des CB1-Rezeptors – nicht aber die des CB2-Rezeptors – führt zu den bekannten psychotropen Wirkungen. Im Jahre 1992 gelang der Nachweis endogener Cannabinoidrezeptor-Agonisten. Die beiden wichtigsten Endocannabinoide sind Anandamid (Arachidonoylethanolamid) und 2-Arachidonoylglycerol (10). Seit der Entdeckung dieses komplexen endogenen Cannabinoid-Rezeptorsystems gilt es als erwiesen, dass Cannabinoide zahlreiche physiologische Wirkungen besitzen.

Im zentralen und im peripheren Nervensystem besteht eine vielfältige Wechselwirkung zwischen dem CB1-Rezeptorsystem und zahlreichen Neurotransmittern und Neuromodulatoren (10). So führt die Aktivierung von CB1-Rezeptoren zu einer retrograden Hemmung der neuronalen Freisetzung von Acetylcholin, Dopamin, GABA, Histamin, Serotonin, Glutamat, Cholezystokinin, D-Aspartat, Glyzin und Noradrenalin. Der CB1-Rezeptor ist der im ZNS am weitesten verbreitete G-Protein-gekoppelte Rezeptor. Diese komplexen Interaktionen erklären nicht nur die Vielzahl der physiologischen Wirkungen der Endocannabinoide, sondern auch die pharmakologischen Wirkungen von Cannabiszubereitungen.

Pharmakologie von Cannabis und Cannabinoiden

Cannabis enthält neben THC, dem am stärksten psychotrop wirksamen Inhaltsstoff, eine große Zahl weiterer Cannabinoide und Pflanzenstoffe (11). Die meisten Wirkungen von Cannabiszubereitungen beruhen auf der agonistischen Wirkung von THC an den verschiedenen Cannabinoidrezeptoren (12). Einzelne Effekte sind aber auch auf eine Wirkung an anderen Rezeptorensystemen zurückzuführen. So wird beispielsweise angenommen, dass die Verminderung von Übelkeit und Erbrechen zum Teil durch eine antagonistische Wirkung am serotonergen 5-Hydroxytryptamin (HT)3-Rezeptor hervorgerufen wird.

Manche Effekte von Cannabiszubereitungen werden durch die Wirkungen anderer Cannabinoide als THC verursacht. So hat beispielsweise CBD – das Cannabinoid, das in vielen Cannabissorten nach THC in der höchsten Konzentration vorkommt – antiemetische, neuroprotektive und antiinflammatorische Eigenschaften. Zu seinen komplexen Wirkmechanismen zählen eine antagonistische Wirkung am CB1-Rezeptor, eine Stimulation des Vanilloid-1-Rezeptors, eine Hemmung der Hydrolyse von Anandamid (10) und eine Aktivierung des Zellkernrezeptors PPAR-Gamma (13).

Therapeutisches Potenzial

Cannabiszubereitungen üben eine Vielzahl therapeutischer Wirkungen aus, darunter antispastische, analgetische, antiemetische, neuroprotektive, antiinflammatorische sowie Wirkungen bei psychiatrischen Erkrankungen. Zugelassen ist in Deutschland seit 2011 allerdings ausschließlich ein Cannabisextrakt, der THC und CBD im Verhältnis 1:1 enthält, für die Behandlung der mittelschweren bis schweren, therapieresistenten Spastik bei Multipler Sklerose (MS). Im Juni 2012 hat der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) über die Nutzenbewertung des Cannabisextraktes in dieser Indikation beschlossen und einen „geringen Zusatznutzen“ festgestellt. Es wurde eine befristete Genehmigung bis zum Jahre 2015 erteilt.

In Deutschland und international ist dieser Cannabisextrakt unter dem Freinamen Nabiximols als Sublingualspray arzneimittelrechtlich zugelassen. Dronabinol ist in den USA bereits seit 1985 für die Behandlung von Übelkeit und Erbrechen aufgrund einer Zytostatikatherapie sowie seit 1992 bei Appetitlosigkeit im Rahmen einer Kachexie bei HIV/Aids zugelassen. Nabilon ist in Großbritannien ebenfalls zur Behandlung von Nebenwirkungen einer Chemotherapie bei Krebserkrankungen arzneimittelrechtlich zugelassen (Kasten 1).

Definitionen und Medikamente
Definitionen und Medikamente

Neben diesen als gesichert geltenden Indikationen gilt – trotz weltweit fehlender Zulassung – wegen der positiven Ergebnisse zahlreicher kleiner kontrollierter Studien auch die analgetische Wirkung von Cannabinoidrezeptor-Agonisten – insbesondere bei neuropathischen Schmerzen – als gut belegt. Eine Übersicht über alle vorliegenden kontrollierten Studien zu den Indikationen Spastik, Zytostatika induzierte Übelkeit und Erbrechen, Anorexie bei HIV/Aids und chronische Schmerzen befindet sich in der Tabelle.

Übersicht über kontrollierte Studien mit Cannabismedikamenten in etablierten Indikationen
Übersicht über kontrollierte Studien mit Cannabismedikamenten in etablierten Indikationen

Spastik

Im Jahre 2011 wurde von Novotna et al. eine große Studie zur Behandlung der Spastik bei Multipler Sklerose publiziert, die in der Folge zur Zulassung des Extraktes in dieser Indikation in Deutschland führte (e12). Von 572 Patienten, die primär in die Studie eingeschlossen wurden, sprachen 272 Patienten (47,6 %) während einer vierwöchigen einfachblinden Behandlung auf die Therapie an (= Reduktion der Spastik um > 20 %) und nahmen anschließend an einer zwölfwöchigen, doppelblinden, placebokontrollierten zweiten Studienphase teil (enriched-design). Im Vergleich zu Placebo verbesserte der Cannabisextrakt Spastik, Spasmenhäufigkeit und Schlafqualität signifikant (Tabelle).

Zytostatika induzierte Übelkeit und Erbrechen

Eine Vielzahl von Studien, die mehrheitlich bereits in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts durchgeführt wurde, belegt, dass Cannabinoide in der Behandlung von Übelkeit und Erbrechen infolge einer Chemotherapie ebenso oder sogar etwas stärker wirksam sind als damals gebräuchliche Antiemetika (zum Beispiel Phenothiazine wie Prochlorperazin und Dopaminantagonisten wie Metoclopramid) (e16e56) (Tabelle). Zudem liegen Hinweise vor, dass niedrigdosiertes Dronabinol (2 × 2,5 mg) eine additive Wirkung bei gleichzeitiger Behandlung mit modernen Antiemetika aufweist (e34). In der Therapie der verzögert eintretenden Übelkeit (2–5 Tage nach Zytostatikagabe) war Dronabinol ebenso wirksam wie das Antiemetikum Ondansetron (e34). Insgesamt gelten Cannabinoide heute als Reservemedikamente bei Zytostatika induzierter Übelkeit und Erbrechen (e57, e58).

Anorexie und Kachexie bei HIV/Aids

Alle bisher veröffentlichten Studien (n = 7) haben eine positive Wirkung von Dronabinol und gerauchtem Cannabis in der Therapie der Appetitlosigkeit bei HIV-Patienten gezeigt (e59, e65) (Tabelle). In einer sechswöchigen doppelblinden, Placebo kontrollierten Studie mit 139 Patienten war Dronabinol Placebo signifikant überlegen: Während das Körpergewicht unter Dronabinol (2 × 2,5 mg) konstant blieb, nahmen Patienten in der Placebogruppe im Mittel 0,4 kg ab (e60). In einer dreiarmigen Studie war niedrigdosiertes Dronabinol (2 × 2,5 mg) hochdosiertem Megestrolazetat (750 mg) unterlegen (e61). Auch bei Patienten mit Tumorerkrankungen (e66e69) und M. Alzheimer waren Cannabinoide in der Behandlung von Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust wirksam (e70).

Chronische Schmerzen

Cannabinoide sind vor allem bei (chronischen) neuropathischen Schmerzen und Schmerzen bei MS wirksam (e71e84) (Tabelle), hingegen schlecht oder unwirksam bei akuten Schmerzen (e97e104). In einer Parallelgruppenstudie mit gerauchtem Cannabis bei 50 Patienten mit HIV-assoziierten neuropathischen Schmerzen reduzierte Cannabis die Schmerzen im Mittel um 34 % (versus 17 % unter Placebo). In der Cannabisgruppe trat bei 52 % eine Schmerzreduzierung > 30 % (24 % in der Placebogruppe) ein (e80). In einer kreuzkontrollierten Studie (n = 24) reduzierte Dronabinol (bis 10 mg/d) MS-bedingte Schmerzen im Mittel um 3 Punkte (Skala von 0–10), verglichen mit 0 Punkten unter Placebo (e71). Kleine kontrollierte Studien ergaben Hinweise darauf, dass Cannabinoide auch bei chronischen Schmerzen anderer Ursachen (Tumorschmerz, Rheuma, Fibromyalgie) wirksam sind (e85e96).

Weitere Indikationen

Darüber hinaus liegen kleine randomisierte, kontrollierte Studien mit positiven Ergebnissen unter anderem zu folgenden Erkrankungen und Symptomen vor:

Für zahlreiche weitere Erkrankungen und Symptome werden positive Wirkung von Cannabinoiden lediglich in Fallberichten und kleinen offenen unkontrollierten Studien beschrieben, so dass wegen der mangelhaften Datenlage derzeit noch keine abschließende Bewertung möglich ist.

Nebenwirkungen

Cannabis und einzelne Cannabinoidrezeptoragonisten (Dronabinol, Nabilon) weisen sehr ähnliche, wenn nicht identische Nebenwirkungen auf (14). Von Drogenkonsumenten wird Cannabis vor allem wegen seiner psychischen Eigenschaften geraucht, die bei Dosierungen oberhalb der individuell variablen psychotropen Schwelle eintreten. Diese akute psychische Wirkung wird im Allgemeinen als angenehm und entspannend empfunden. Oft geht sie mit einer Steigerung der sensorischen Wahrnehmung einher. Das gesteigerte Wohlbefinden kann allerdings auch in eine Dysphorie umschlagen. Auch Angst und Panik können auftreten. Weitere akute psychische Wirkungen von Cannabinoiden sind eine Beeinträchtigung des Gedächtnisses, der psychomotorischen und kognitiven Leistungsfähigkeit, Störungen der Zeitwahrnehmung und Euphorie.

Nach wie vor wird kontrovers diskutiert, ob starker Cannabiskonsum langfristig Auswirkungen auf die kognitive Leistungsfähigkeit hat. Nach derzeitigem Kenntnisstand ist davon auszugehen, dass nur ein sehr starker Konsum – wie er zu therapeutischen Zwecken kaum je eingesetzt wird – zu irreversiblen kognitiven Einbußen führt (1516). Hingegen gilt als gesichert, dass das Risiko bei Jugendlichen (insbesondere vor der Pubertät) deutlich erhöht ist. Daher sollte eine (Langzeit-)Behandlung mit Cannabinoiden in diesem Alter sehr sorgfältig abgewogen werden (Kasten 2).

Kontraindikationen
und Vorsichtsmaßnahmen
Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen

Bei Personen mit entsprechender Vulnerabilität kann der Konsum von Cannabis eine schizophrene Psychose induzieren. Bei Jugendlichen verdoppelt sich durch den Konsum von Cannabis nach gegenwärtigem Kenntnisstand das Risiko für die Entwicklung einer Schizophrenie (17). Eine Psychose gilt daher als Kontraindikation für eine Behandlung mit Cannabismedikamenten, auch wenn zwei Fallberichten zufolge THC sogar in der Behandlung der therapieresistenten Schizophrenie wirksam war (e111, e112).

Häufige akute körperliche Wirkungen von Cannabinoiden sind Müdigkeit, Schwindel, Tachykardie, orthostatische Hypotension, Mundtrockenheit, reduzierter Tränenfluss, Muskelrelaxation und Steigerung des Appetits. Regelmäßiger Cannabiskonsum kann kleineren epidemiologischen Studien zufolge die Entwicklung einer Leberzirrhose bei bestehender Hepatitis C beschleunigen (18). Es wurden bisher keine akuten Todesfälle beschrieben, die eindeutig allein auf den Konsum von Cannabis oder eine Behandlung mit Cannabinoiden zurückgeführt werden können. Allerdings kann sich bei entsprechender Prädisposition das Herzinfarktrisiko durch die Kreislaufwirkungen von Cannabinoiden erhöhen.

Für viele der unter Cannabinoiden eintretenden unerwünschten akuten Wirkungen – besonders Müdigkeit, Schwindel, kardiovaskuläre und psychische Effekte – entwickelt sich innerhalb von Tagen und Wochen eine Toleranz (e113e116). Lediglich bei starkem Cannabiskonsum können nach dem abrupten Absetzen von Cannabis Entzugssymptome – die in Charakter und Intensität mit den Symptomen eines abrupten Tabakentzuges vergleichbar sind – eintreten wie innere Unruhe, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, vermehrtes Schwitzen und Appetitlosigkeit (19). Im Rahmen einer kontrollierten medizinischen Anwendung von Cannabinoiden stellen Entzugssymptome hingegen nur ausnahmsweise ein Problem dar (20). Zu Fragen der Fahrtüchtigkeit siehe Kasten 3.

Fahrtüchtigkeit und Bedienen von Maschinen
Fahrtüchtigkeit und Bedienen von Maschinen

Wechselwirkungen

Da THC vor allem in der Leber durch Zytochrom-P-450-Isoenzyme (hauptsächlich CYP2C) verstoffwechselt wird, kann es zu Interaktionen mit anderen Medikamenten kommen, die auf gleichem Wege metabolisiert werden (10). Das Rauchen von Cannabis kann den Plasmaspiegel einzelner Antipsychotika (Clozapin, Olanzapin) reduzieren. Hingegen konnten weder bei Aids- noch bei Krebspatienten Änderungen der Plasmaspiegel verschiedener antiretroviraler Medikamente oder von Zytostatika durch eine zusätzliche Behandlung mit Cannabinoiden festgestellt werden (21, 22).

Interaktionen mit Cannabinoiden beruhen am häufigsten auf einer Aktivierung gleicher Effektorsysteme im Sinne einer gegenseitigen Wirkverstärkung oder –abschwächung (23). Klinisch von Bedeutung ist insbesondere eine Zunahme der Müdigkeit bei gleichzeitiger Einnahme anderer psychotrop wirksamer Substanzen (wie Alkohol und Benzodiazepine) und Wechselwirkungen mit Medikamenten, die ebenfalls auf das Herz-Kreislauf-System wirken (etwa Amphetamine, Atropin und Betablocker). Allerdings können additive Wirkungen auch erwünscht sein, etwa bei gleichzeitiger Behandlung mit Cannabinoiden und Antispastika, Broncholytika, Analgetika, Antiemetika und in der Glaukom-Therapie.

Praktische Hinweise zur Verwendung in Deutschland

Eine ärztlich überwachte Therapie mit Cannabis beziehungsweise einzelnen Cannabinoiden kann in Deutschland gegenwärtig auf zwei verschiedenen Wegen erfolgen: Einerseits können mittels Betäubungsmittel (BTM)-Rezept der Cannabiswirkstoff Dronabinol (THC) – als Fertig- oder als Rezepturarzneimittel –, der synthetische THC-Abkömmling Nabilon und ein Cannabisextrakt (als Fertigarzneimittel in Form eines Sublingualsprays) rezeptiert werden. Andererseits kann eine medizinische Verwendung von Cannabis in Form von Cannabiskraut erfolgen. Dies bedarf allerdings einer Ausnahmegenehmigung nach § 3 Abs. 2 des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) (Kästen 4, 5).

Therapiemöglichkeiten mit Cannabis in Deutschland
Therapiemöglichkeiten mit Cannabis in Deutschland
Dosierung von Cannabinoiden
Dosierung von Cannabinoiden

Verschreibung von Cannabismedikamenten mittels BTM-Rezept

Fertigarzneimittel mit den Wirkstoffen Nabilon und Dronabinol sind in den USA und Großbritannien sowie anderen Ländern im Verkehr und können auf Grundlage des § 73 Abs. 3 Arzneimittelgesetz auch in Deutschland rezeptiert werden. Apotheken erhalten diese Medikamente über entsprechende Importfirmen. Die Kosten für diese Dronabinol haltigen Fertigarzneimittel sind jedoch höher als entsprechende Rezepturarzneimittel.

Zur Anfertigung eines Dronabinol haltigen Rezepturarzneimittels hat der Deutsche Arzneimittelkodex des Bundes Deutscher Apothekerverbände eine entsprechende Rezepturvorschrift herausgegeben. Ausgehend von einem in Deutschland von zwei Unternehmen hergestellten Wirkstoff können in der Apotheke eine ölige oder alkoholische Tropfenlösung oder Kapseln zubereitet werden.

Grundsätzlich können Ärzte aller Fachrichtungen – ohne besondere Zusatzqualifikation – Dronabinol (sowohl als Fertig- als auch als Rezepturarzneimittel), Nabilon und den zugelassenen Cannabisextrakt auch außerhalb der zugelassenen Indikationen (off-label) im Rahmen eines individuellen Heilversuchs verordnen. Eine zulassungsüberschreitende Anwendung von Medikamenten auf Cannabisbasis erfolgt derzeit am häufigsten:

Eine solche Off-label-Behandlung mit Cannabismedikamenten wird in der täglichen Praxis allerdings dadurch erschwert, dass die gesetzlichen Krankenkassen meist eine Kostenübernahme ablehnen. Um mögliche spätere Regressforderungen zu vermeiden, sollte vor einer Verschreibung zu Lasten der gesetzlichen Krankenkasse die Frage der Kostenübernahme geklärt werden. Eine Verordnung per Privatrezept zulasten des Patienten kann jederzeit erfolgen.

Behandlung mit Cannabis auf Grundlage einer Ausnahmeerlaubnis nach BtMG

Alternativ können Patienten bei der Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine Ausnahmeerlaubnis nach § 3 Abs. 2 BtMG zum Erwerb von Medizinal-Cannabisblüten zur Anwendung im Rahmen einer ärztlich begleiteten Selbsttherapie beantragen. Zur Erleichterung des Verfahrens stehen auf der Homepage des BfArM Hinweise für Patienten und Ärzte sowie alle Antragsformulare zur Verfügung. Im Antrag muss der Patient darlegen, dass andere Therapien nicht ausreichend wirksam waren und eine Behandlung mit anderen Cannabismedikamenten nicht möglich ist, etwa weil die Kosten einer Behandlung mit verschreibungsfähigen Cannabismedikamenten nicht von der Krankenkasse übernommen werden. Dem Antrag muss eine ärztliche Stellungnahme beigefügt werden. Die Kosten für diese Behandlung müssen vom Patienten getragen werden.

Informationen im Internet:
Bundesopiumstelle: www.bfarm.de

Interessenkonflikt
Dr. Grotenhermen ist für die Unternehmen Bionorica Ethics und THC Pharm beratend tätig. Er ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin e. V. (ACM) und Geschäftsführer der International Association for Cannabinoid Medicines (IACM).

Prof. Müller-Vahl erhielt Erstattung von Teilnahmegebühren für Kongresse sowie Reise- und Übernachtungskosten von Astra-Zeneca und Lundbeck. Ebenso erhielt sie Honorare für die Durchführung von klinischen Auftragsstudien und Gelder für ein von ihr initiiertes Forschungsvorhaben von Böhringer Ingelheim.

Manuskriptdaten
eingereicht: 9. 9. 2011, revidierte Fassung angenommen: 26. 1. 2012

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Kirsten Müller-Vahl
Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover
mueller-vahl.kirsten@mh-hannover.de

Zitierweise
Grotenhermen F, Müller-Vahl K: The therapeutic potential of cannabis and cannabinoids. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(29–30): 495–501.
DOI: 10.3238/arztebl.2012.0495

@Mit „e“ gekennzeichnete Literatur:
www.aerzteblatt.de/lit2912

The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

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