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Einsatz in Papua-Neuguinea: Abwechslungsreich und prägend

Dtsch Arztebl 2012; 109(12): A-613 / B-533 / C-529
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Schoene, Ulrich

Medizin in ihrer Ganzheit betreiben zu können, ist eine erfüllende Aufgabe. So lautet das Resümee des Autors dieses Beitrags, der mit seiner Frau vier Jahre in Papua-Neuguinea praktizierte.

<b>Das „Wartezimmer“ des Krankenhauses:</b> Alle Krankheiten und Unfälle hätten ihre Ursache in ungelösten Problemen oder seien das Resultat von Zauberei. Foto: Ulrich Schoene
Das „Wartezimmer“ des Krankenhauses: Alle Krankheiten und Unfälle hätten ihre Ursache in ungelösten Problemen oder seien das Resultat von Zauberei. Foto: Ulrich Schoene

Unsere Aufgabe war es, in Zusammenarbeit mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche Bayerns und dem Lutheran Health Service PNG, ein Health Centre zu einem Krankenhaus weiterzuentwickeln. Etep, 1950 als Lepra-Station gegründet, ist jetzt ein Rural-Hospital mit circa 90 Betten und befindet sich auf 600 Metern Höhe, neun Kilometer vor der Küste. Die nächste Stadt mit einem Krankenhaus liegt zwei Tagesfahrten mit dem Schiff entfernt. Im Hinterland gibt es dicht bevölkerte Täler mit zusammen etwa 80 000 Bewohnern. Die Patienten müssen oft mehr als zwei Tage nach Etep wandern; durch eine Landschaft, die in Trekkingreiseführern mit dem Himalaya verglichen wird.

Nach intensiver Vorbereitung begannen wir unsere Tätigkeit im Land „of the unexpected“ (Werbespruch von PNG) – wir, das heißt meine Frau Dr. med. Rita Wiesenhütter (Gynäkologin) und ich (Internist). Zunächst organisierten wir Mitarbeiterschulungen, zum Beispiel zu den Prinzipien des sterilen Arbeitens im OP, in der postoperativen Versorgung oder dahingehend, dass immer Pflegepersonal im Krankenhaus anwesend sein muss.

Die medizinische Arbeit begann am ersten Tag, unter anderem mit einer Frau, die zwei Wochen zuvor im Dorf entbunden hatte und unter Sepsis, Blutarmut und Placenta accreta litt, ähnliche Patientinnen hatten wir dann später alle zwei Monate. Regelmäßig gefragt war auch eine Frakturdiagnostik ohne Röntgen. Im Laufe der Zeit gewannen wir an Sicherheit und kamen zu der Erkenntnis, dass sich fast alles mit guten Resultaten behandeln lässt. Hier hilft unter diesen Bedingungen das Standard- und Meisterwerk für Chirurgie von Maurice King. Selbst die ungewöhnlichste Komplikation wird dort beschrieben, eine klare Handlungsanweisung inklusive. Für mich als Internist waren die Infektionskrankheiten spannend, darunter auch seltenere, wie zum Beispiel kalte Abszesse im weichen Gaumen bei Tuberkulose (TB), TB-Meningitis gehörte da zu den alltäglichen Fragen. Das zweite Standbein der Arbeit war die öffentliche Gesundheitsvorsorge. Wir fuhren oder wanderten alle zwei Wochen zu weiter entfernten Health Centren und unterstützten die Etep-Mutter-und-Kind-Klinik in ihrem Programm.

Im Etep-Hospital arbeiten heute mehr als 50 Mitarbeiter. Es ist der größte Arbeitgeber in einem Umkreis von etwa 100 Kilometern. Oft übernimmt man als Arzt und Mitglied des Leitungsteams die Position des Geschäftsführers, daraus resultiert eine aktive Teilnahme an den Sitzungen des Aufsichtsrats des Krankenhauses. Die längste Sitzung dauerte zwölf Stunden, wobei jeder Melanesier uns Europäern überlegen ist, was Verhandlungsgeschick und politisches Kalkül angeht. Die Sitzungen waren teilweise echte Lehrstunden. Außerdem erfuhren wir dabei interessante Geschichten aus dem sozialen Leben.

Die Führung der Mitarbeiter ist eine sehr wichtige Aufgabe. Mit 20 Jahren Berufserfahrung war die klinische Arbeit des „TB-Officers“ beispielsweise sehr gut. Seine dreimonatlichen Statistiken und viele organisatorische Aspekte mussten aber in vierjähriger täglicher Begleitung dahin gebracht werden, dass sie auch die Realität widerspiegelten. Weil das in interkulturell adäquater Form erfolgen muss, war das für uns ein andauernder Lernprozess.

In Etep wurden in den vergangenen zehn Jahren Investitionen in Höhe des jeweiligen Jahresbudgets des Krankenhauses getätigt, das heißt, es gab viele Möglichkeiten für uns, Entwicklungen anzustoßen, zu planen oder zu begleiten. Da kann man dann mit dem Architekten das Design der Strom- und Wasserversorgung im neuen OP planen, oder unter Palmen drei Stunden mit einem Landbesitzer an der Küste darüber verhandeln, ob das Krankenhaus seinen Sand vom Meer zum Betonmischen benutzen darf.

Das Salz in der Suppe sind die Geschichten aus dem Leben der Menschen und ihrer Kultur. Alle Krankheiten und Unfälle haben in Papua-Neuguinea ihre Ursache in ungelösten Problemen oder sind das Resultat von Zauberei. Ein junger Mann starb bei einem Autounfall. Als Ursache des Unfalls galt ein schwelender Streit zwischen zwei Dörfern. Um seiner Seele Frieden zu geben, musste seine Großfamilie seine Wege der letzten vier Wochen einschließlich einer Reise in die Provinzhauptstadt nachgehen. Oder: Aus einem Bergdorf kamen einige Monate lang viele Menschen mit psychosomatischen Beschwerden. Der alte Krankenhauspastor machte schließlich einen Stein in der Dorfmitte als Ursache aus und entmachtete diesen mit einem Gottesdienst.

Als Rückkehrer merkten wir schnell, dass unsere Erfahrungen im deutschen Arbeitsumfeld sehr gewinnbringend eingesetzt werden können. Ich weiß jetzt, dass ich notfalls auch als Internist die durchtrennten Hohlhandsehnen erfolgreich operieren kann (auch wenn es mit dem Pernkopf-Anatomieatlas im OP geschieht), und dass ich mich nach den vier Jahren intensiver Schulung auf meine „fünf medizinischen Sinne“ verlassen kann. Auch Verwaltungstätigkeiten, etwa in Krankenhausausschüssen, oder auch die Mitarbeiterführung fallen mir heute wesentlich leichter als vor dem Auslandsaufenthalt.

Mittlerweile bin ich als Hausarzt niedergelassen. Das Bewegen in Gesundheitssystemen mit begrenzten Ressourcen, sei es hierzulande in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung oder in Papua-Neuguinea im National Health System, erfordert ein gewisses Maß an schöpferischer Produktivität, um in den vorgegebenen Grenzen gute Medizin nach bestem Wissen und Gewissen erfolgreich ausüben zu können. Die Fragen stellen sich in Papua-Neuguinea in einer anderen Form und in einem diffizileren Umfeld, aber die Problemlösungsstrategien sind gleich. So fand eine Wasserbauingenieurin, die unter anderem die Wasserversorgung des Etep-Krankenhauses neu gestaltet hatte, nach ihrer Rückkehr einen Managementposten bei einem deutschen Autohersteller, weil sie sich, wie sich ihre Vorgesetzten ausdrückten, „sehr gut mit chaotischen Projektsituationen“ auskenne.

Leider gibt es in der Entwicklungszusammenarbeit kaum noch ärztliche Stellen, bei denen die kurative Tätigkeit den größten Teil der Aufgabe ausmacht. Mission Eine Welt (www.mission-einewelt.de) ermöglichte damals unseren Einsatz in Papua-Neuguinea. Einige Jahre später kehrten wir noch einmal nach Etep zurück, um als freiwillige Helfer zwei Monate eine Lücke in der ärztlichen Versorgung auszugleichen – wieder eine arbeitsreiche und erfüllende Zeit. Mission Eine Welt unterstützt neben dem Etep-Rural-Hospital noch zwei weitere Krankenhäuser in Papua-Neuguinea sowie weitere Krankenhäuser in Afrika. Unsere Entscheidung, ab 2001 für vier Jahre in Papua-Neuguinea zu leben und arbeiten, war eine der besten unseres Lebens.

Ulrich Schoene